essays9/2014

Loslassen

 

Loslassen und Kontrolle

In diesem und im nächsten Monat möchte ich über zwei Grundhaltungen schreiben, die vieles im Leben erschweren – auch die Suche nach der Wahrheit. Jeder Mensch neigt entweder eher zur einen oder zur anderen Grundhaltung. Die aus ihnen erwachsenden Typen nenne ich „Loslasser“ und „Kontrolleur“. Selbstverständlich gibt es den reinen Loslasser ebenso wenig wie den reinen Kontrolleur, aber wer sich ein bisschen kennt, wird wissen, zu welcher Gruppe er gehört.

Spontan werden die meisten Leser dieser Essays Kontrolle ablehnen, während sie das Loslassen positiv bewerten. Aber so einfach ist es nicht. Wovon ich hier spreche, sind Fixierungen. Fixierungen sind Identifikationen mit etwas, das man nicht ist. Also steht beides gleichermaßen der Erkenntnis dessen, was man ist, im Weg. Beides mal handelt es sich um hinderliche Denk- und Verhaltensmuster, und interessanterweise braucht der Loslasser mehr Kontrolle, während der Kontrolleur mehr Loslassen braucht.

Nehmen wir ein Alltagsbeispiel:

Die neue Waschmaschine ist gekommen. „Ich schließe sie an“, sagt der Loslasser, und schaut einmal kurz in die Gebrauchsanleitung. Dann lässt er sie los, denn sie ihm zu kompliziert und er glaubt zu wissen, wie es einfacher geht. Nachdem er eine Zeitlang vergeblich versucht hat, die Waschmaschine in Gang zu bringen, lässt er das gesamte Projekt los – in der Hoffnung, dass ihm demnächst eine Lösung einfallen wird.

Der Loslasser

Viele möchten loslassen, aber fällt es ihnen schwer, denn sie haben Angst, die Kontrolle zu verlieren. Doch was vielen oft schwer fällt, ist beim Loslasser Programm: Seine Standardantwort im Leben heißt Loslassen. Wann immer möglich, lässt er los. Er erkennt nicht, dass viele Dinge nur dann passieren oder sich weiterentwickeln können, wenn er sich einsetzt und so lange dranbleibt, bis er ein Ergebnis erzielt hat.

Auch möchte er sich nicht festlegen und sich stets alle Möglichkeiten offen halten. So nimmt er sich vieles vor, was er nie in Angriff nimmt und fängt vieles an, was er nie zu Ende führt. Er lässt los, bevor er überhaupt etwas zum Loslassen hat. Dadurch ist sein Leben in den Bereichen, wo ihn dieses Muster beherrscht, chaotisch. Er hat es nicht im Griff und will es eigentlich auch nicht wirklich in den Griff bekommen. Zumindest will er nicht selber etwas dafür tun. Und schon gar nicht auf kontinuierlicher Basis.

Der Loslasser ist ein Idealist, interessiert sich für die außergewöhnlichsten Dinge und versucht oft, andere davon zu begeistern. Auch ist er seiner Zeit meist voraus und greift Ideen auf, die andere für lebensfern halten. Gerne versucht er das Unmögliche und manchmal gelingt es ihm. Meist kommt es jedoch gar nicht dazu, dass er etwas unter Beweis stellt, denn lange vorher schon hat er sich einem anderen Projekt zugewendet. Oder er macht eine Bauchlandung, weil seine Vorstellungen an der Realität vorbeigehen.

Der Loslasser hat keine Durchhaltefähigkeit, weil er keine Frustrationstoleranz hat.[1] Sobald er auf Schwierigkeiten stößt, fängt er an zu zweifeln und schaut sich nach einer neuen Inspiration um, von der er sich verspricht, dass sie sich leichter umsetzen lässt. Er will alles sofort und mühelos und die Vorstellung, sich etwas langsam und mühevoll zu erarbeiten, ist ihm fremd. Seine mangelnde Frustrationstoleranz macht ihn anfällig für Süchte aller Art.

Der Loslasser bringt die Dinge nicht auf den Boden, er füllt seine Ideen nicht mit Substanz. Das liegt daran, dass er selbst an einer grundlegenden Substanzlosigkeit leidet. Eigentlich fühlt er sich vom Leben überfordert und sieht sich außerstande, sich ihm zu stellen. Impulsen, Wünschen, Gefühlen, Ideen, die sich in ihm regen, geht er fraglos nach. Er kann sich selbst keine Grenzen setzen. Das macht ihn undiszipliniert und er verschwendet Unmengen von Zeit damit, sich mit Dingen zu beschäftigen, die ihm nichts bringen.

Im Grunde ist er ein Fähnlein im Winde, allem, was in ihm oder um ihn herum geschieht, ausgeliefert. Er kann auch anderen keine Grenzen setzen.  Eigentlich hofft er auf einen Retter oder eine Retterin oder auf ein Wunder. Er sieht sich selbst nicht als Akteur, sondern hofft auf die Rettung von Außen. Er ist daher auf Impulse von Außen angewiesen, die ihn bei der Stange halten. Und wenn diese Impulse nicht mehr kommen, dann lässt er sofort alles los. 

Anderen gegenüber ist der Loslasser oft sehr hilfsbereit, aber steht dann, wenn man ihn braucht, doch nicht zur Verfügung. Er verspricht viel, was er nicht hält, und erkennt nicht, wie oft er andere hängenlässt. Überhaupt entspricht sein Selbstbild nicht dem, wie andere ihn wahrnehmen. Oft sieht er sich selbst als Opfer und erkennt nicht, wie er das Chaos, in dem er sich befindet, selbst herbeiführt. 

Der Loslasser auf der Suche nach der Wahrheit

Der Loslasser ist ein Sucher per se. Er ist eigentlich immer auf der Suche – egal, ob es sich um die Suche nach Reichtum, Wissen, Schönheit, Liebe, Heimat, Erfolg, sexueller Erfüllung, der richtigen Gruppe oder eben die Suche nach der Wahrheit handelt. Er sucht, weil er nicht finden will. Er ist der Gottsucher, der wenn er endlich vor der Tür Gottes steht, sich umdreht und wegstiehlt,  um weitersuchen zu können.

Meist kommt der Loslasser auf seiner Wahrheitssuche jedoch gar nicht bis zur „Tür Gottes“. Das liegt daran, dass er sich nicht wirklich einlassen kann. Selbst wenn er eine Richtung gefunden hat, wird er sich nicht dahinterklemmen, um das, was er sucht auch zu finden. Leider bietet die spirituelle Szene dem Loslasser unendlich viele Möglichkeiten, um ewig auf der Suche zu bleiben.

Der Loslasser ist der geborene Jäger spiritueller Erfahrungen oder Erkenntnisse. Er hat meistens eine Unmenge davon gemacht und kann sich endlos darüber auslassen. Aber sie führen ihn nicht weiter und sind daher letztlich bedeutungslos.

Viele spirituelle Glaubenssätze fallen beim Loslasser auf fruchtbaren Boden, aber die Keimlinge, die sie hervorbringen, werden von ihm nicht gepflegt, und so erwächst nichts aus ihnen. Die meisten in der westlichen Advaita Szene verbreiteten Vorstellungen sind für den Loslasser nutzlos. Was bringt es ihm schon, wenn man ihm sagt, er solle einfach loslassen, alles andere würde sich dann schon ergeben? Oder „Du bist nicht der Handelnde“? Oder „Eigentlich ist alles Illusion“?  

Das weiß er alles, und es hat ihm bisher wenig gebracht und wird ihm auch in Zukunft nichts bringen.

Was bringt den Loslasser weiter?

Der Loslasser braucht genau das, was der Kontrolleur zu viel hat: Kontrolle. Der Loslasser muss sich selbst unter Kontrolle bringen, dann hat er auch mehr Kontrolle über das, was in seinem Leben passiert.[2] Und dann ist er in der Lage, seine spirituellen Erkenntnisse auf ein solides Fundament  zu stellen.

Advaita Vedanta ist der ideale Weg für den Loslasser, denn Grundvoraussetzung auf diesem Weg ist, dass der Sucher Verantwortung für den eigenen Weg übernimmt. Einerseits spüren die Loslasser dies und fühlen sich daher hingezogen zum Advaita Vedanta. Andererseits kommen sie rasch an ihre Grenzen, denn wer sich auf diesem Weg nicht einsetzt, merkt sehr schnell, dass er nicht vorankommt.

Im Gegensatz zu anderen Advaita-Richtungen lässt man sich im Advaita Vedanta nicht nur vom Lehrer und den heiligen Schriften inspirieren, sondern man bemüht sich aktiv ums Verstehen. Wie ich in diesen Essays oft betont habe, geht es ums Zu-Ende-Denken. Logik und  eine präzise Sprache sind dabei wichtige Instrumente. Die Buddhi wird geschult, um diese Instrumente zu handhaben und im Erkenntnisprozess einzusetzen. Diese Schulung der Buddhi erfordert, dass man manchmal Dinge lernt, deren Sinn sich einem erst im Nachhinein erschließt. Ohne Vertrauen in den Lehrer und den Weg, den er weist, wird der Loslasser diesen Prozess nicht durchhalten.

Wie ebenfalls schon oft erwähnt, geht es im Advaita Vedanta ums Erkennen. Handlungen wie Meditation, Gebet, Rituale usw. sind wichtig, aber sie sollen den Erkenntnisprozess nur unterstützen. Bloß zu meditieren wird dem Sucher nicht ermöglichen, die Wahrheit bzw. sich selbst zu erkennen. Die Hoffnung des Loslassers auf das Wunder der Erleuchtung durch stilles Sitzen ist also aus der Perspektive des Adavita Vedanta vergeblich[3].

Andererseits ist Selbstdisziplin notwendig und soll geübt werden, um den Weg überhaupt durchzuhalten. Ein gewisses charakterliches Fundament ist nötig, um dranzubleiben. Wenn man, wie der Loslasser, sein tägliches  Ritual nur ab und zu ausführt[4], nur ab und zu dem spirituellen Lehrer zuhört,  nur ab und zu seinen Hinweisen und ansonsten lieber den eigenen Ideen folgt, nur ab und zu an Vedanta-Klassen teilnimmt, dann kann dieser Weg seine Wirkung nicht entfalten.

Kann man das Loslasser-Muster überwinden?

Ja, das kann man. Es ist dazu notwendig, dass man aufhört, ständig nach neuen Möglichkeiten zu suchen, um die eigenen Probleme zu lösen oder um die Wahrheit zu finden.

Erst einmal geht es nicht um neue Möglichkeiten, sondern allein darum, der eigenen Fixierung aufs Loslassen Einhalt zu gebieten.

Und zwar immer, wenn sie sich bemerkbar macht.

 

Dies ist das ganze Geheimnis, und jeder echte Loslasser wird  sofort abwinken mit den Worten „Was soll das denn bringen?!“

Doch die zahlreichen Wege, Lehrer, Methoden, Ansätze, die er schon ausprobiert hat, sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich lohnen würde, es einmal anders zu versuchen. Er braucht wahrscheinlich keinen neuen Ansatz, sondern ein striktes Nein zu seiner Fixierung aufs Loslassen. 

Das heißt, dass er sich als spiritueller Sucher für eine der vielen Möglichkeiten entscheidet und dabei bleibt – und zwar mit allem, was das bedeutet – statt loszulassen sobald sich ein Wölkchen am blauen Himmel zeigt.[5]

 

Der Schlüssel für den Loslasser lautet „Unter Kontrolle bringen“ und nicht „Loslassen“.

Wenn er konsequent und ausnahmslos Nein sagt zu dem, was ihn bisher daran gehindert hat, weiterzukommen, dann hat auch das Ja zu dem, was ihn weiterbringt, eine echte Chance.

 

Nächsten Monat geht es um die „Kontrolleure“.

 


[1] http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=75

[2] Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Er wird nicht zu Ishvara werden, der Gesamtheit aller universalen Gesetzmäßigkeiten. Aber im Rahmen dieser Gesetzmäßigkeiten kann er seinen freien Willen entfalten und einsetzen. Dieser freie Wille ist nämlich auf dem spirituellen Weg notwendig. Selbst wenn von der höchsten Warte aus sowohl dieser Weg wie auch der freie Wille selbst, nicht existieren, muss der Sucher den Weg gehen, an dessen Ende auch ihm diese höchste Warte zu eigen sein wird. Er kann nicht einerseits suchen und andererseits so tun, als sei er schon angekommen.

[3] http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=9

[4] http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=10

[5] http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=56




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