essays5/2015

Der Freie Wille

 

Eine Wahrheitssucherin bat mich, etwas zum Thema freier Wille zu schreiben: Dass ein von ihr sehr geschätzter Satsang-Lehrer behauptet hat, es gäbe keinen freien Willen, habe sie in große Verwirrung gestürzt.

Ich habe das Thema bereits in früheren Essays erwähnt, denn natürlich taucht es in der Auseinandersetzung mit „Dualität versus Nicht-Dualität“ immer wieder auf. Weshalb? Weil es da einen logischen Widerspruch gibt, und wie ich schon oft betont habe, lässt das unsere Buddhi (den höheren Mind) nicht zur Ruhe kommen. Sie will Eindeutigkeit und keine schwammigen Halbwahrheiten. Sie besteht auf Logik. 

Die Buddhi wird im Vedanta hoch geachtet – tatsächlich dreht es sich in dieser Wissenschaft der Erleuchtung allein darum, der Buddhi Genüge zu tun. Die Buddhi ist nur dann in Frieden, wenn alle ihre Zweifel und Fragen geklärt wurden. Nur dann ist sie in der Lage, sich ganz zurückzulehnen in die höchste Wahrheit hinein – selbst wenn sie schon lange vorher eine gewisse Einsicht in diese Wahrheit haben mag.

Und solange sich die Buddhi nicht in die Wahrheit hinein entspannt, das heißt, in ihr aufgeht, kann sich die Vorstellung einer dualen Wirklichkeit nicht auflösen – auch wenn man eigentlich weiß, dass die Realität nicht-dual ist. Das Wissen ist eben noch nicht komplett.

Worin besteht nun der oben erwähnte logische Widerspruch hinsichtlich des freien Willens? Einen freien Willen kann es nur in der Dualität geben, weil es den Willen, den Wollenden und das Gewollte nur in der Dualität geben kann. Jetzt soll aber die Realität nicht-dual sein, a-dvaita. Da kann doch was nicht stimmen!

Richtig: Da stimmt was nicht.

Wir brauchen uns gar nicht das profane Wollen anzuschauen: nach einem neuen Auto, einer tollen Beziehung, nach Erfolg oder Geld. Nein, wir bleiben bei der Suche nach der Wahrheit. Auch sie beruht auf Wollen. Die Wahrheit zu suchen und sich nicht mit dem zufrieden zu geben, was das westliche Gesellschaftsmodell für uns vorsieht, ist ein Akt des freien Willens. Was soll es sonst sein?

Gleichzeitig wird in vielen spirituellen Kreisen immer wieder davon gesprochen, dass es gar keinen freien Willen gibt, oder davon, dass man die Wahrheit nicht wollen/suchen solle – und schon gar nicht die mit ihr verbundene Erleuchtung.

Das führt bei den Suchern zu den merkwürdigsten geistigen Verrenkungen: Ich will die Wahrheit oder gar die Erleuchtung, aber ich versuche mir weiszumachen, dass das natürlich kein richtiges Wollen ist, weil das Wollen tabu ist. Und überhaupt, gibt es ja gar keinen freien Willen, daher hab ich nur die Illusion, dass ich da etwas will.

Tatsächlich ist es ein gutes Zeichen, wenn man verwirrt darüber ist, dass ein Advaita-Lehrer sagt, es gäbe keinen freien Willen – obwohl alle, die vor ihm sitzen, offensichtlich frei-willig zu ihm gekommen sind. So etwas verlangt nach einer Erklärung. Ich bin sicher, dass dieser spezielle Lehrer erleuchtet ist, aber ich bin nicht sicher, dass er in der Lage wäre, eine befriedigende Erklärung zu geben. Advaita Vedanta ist dazu in der Lage.

 

Wissenschaft der Erleuchtung

Obwohl das Vedanta eine ganze Wissenschaft der Erleuchtung ist, versuche ich hier Monat für Monat einen oder mehrere für den Wahrheitssucher nützliche Denkansätze herauszugreifen – in der Hoffnung, dass sie bei dem einen oder anderen im richtigen Moment auf fruchtbaren Boden fallen. Doch um das gesamte Gebäude zu verstehen, ist es nötig, das gesamte Gebäude zu studieren. Daher die vielen Querverweise[1]. Es gibt nur ein Essay im Monat, denn die meisten Essays verlangen ein eingehendes Studium, um in ihrer Gesamtheit verstanden zu werden. Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, das eine wache Buddhi auch dann noch Fragen hat. Doch möglicherweise führe ich Sie in einem Essay gerade in das eine Eckchen, das Ihnen noch unbekannt war, und mit einem Mal erschließt sich Ihnen das Gebäude in seiner ganzen Pracht.

Advaita Vedanta ist wie gesagt für die Buddhi da. Die Wahrheit ist ein-fach, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Realität ist nicht-dual, da stimmen traditionelle Advaita Vedanta- und westliche Advaita-Lehrer überein.  Dennoch ist es offenbar überhaupt nicht einfach, die Wahrheit in vollem Umfang zu erkennen. Für diese Erkenntnis ist die Buddhi zuständig, und um der Buddhi willen macht Advaita Vedanta sich die Mühe, die vom Sucher wahrgenommene Realität, also die Dualität, genau zu untersuchen. Statt einfach zu sagen „das ist alles bloß Illusion“ und „das erscheint dir nur so“, existiert ein logisch schlüssiges Erklärungsmodell, das letztendlich in der Nicht-Dualität mündet. 

Dieses Modell liefert der Buddhi die Antwort auf ihre Frage: Wieso nehme ich eine duale Realität wahr, wenn sie doch eigentlich nicht-dual sein soll? Und bezogen auf den freien Willen: Wieso habe ich den Eindruck, meinen freien Willen einzusetzen, wenn es den gar nicht gibt?[2]

Advaita Vedanta erkennt die von uns wahrgenommene Dualität an und nennt sie vyvaharika, relativ real. Damit der weitere Text sich Ihnen wirklich erschließt, lohnt es sich, noch einmal das Essay 1 – 2012 durchzugehen: http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=16)

Die Vyavahara-Realität (relative Realität) wird immer wieder unterbrochen von Traum- und Illusionsphasen. Sie nennt man Pratibhasa-Realität.  Realität nennt man sie deshalb, weil sie für uns ganz und gar real ist, solange wir uns in dem Traum oder in der Illusion befinden. Nur im Wachzustand, also vom Vyavahara-Standpunkt, halten wir sie dann nicht mehr für real.

Sowohl in Vyavara, als auch in Pratibhasa gibt es einen freien Willen. Ich träume, dass ich beschließe, eine Reise zu machen und mir ein Ticket zu kaufe: freier Wille, erste Variante. Dann wache ich auf, finde, dass das eine gute Idee ist und suche im Internet nach Last Minute-Reiseangeboten: freier Wille, zweite Variante. Der in der Vyavahara-Realität im Bett liegende Träumende war die eigentliche Grundlage für den Traum. Pratibhasa lässt sich also in Vyavahara hinein auflösen.

Und, wie die Erleuchteten bezeugen, ist es möglich, auch aus der Vyavahara-Realität aufzuwachen. Obwohl diese dadurch nicht (wie der Traum) verschwindet, weiß ich nach dieser Art von Erwachen, dass die Realität, die ich für absolut real hielt, nur relativ real war.

Die Realität, in die hinein sich die Vyavahara-Realität auflösen lässt, nennt man Paramartha. Paramartha liegt Vyavahara zugrunde, so wie Vyavahara der Pratibhasa-Realität zugrunde liegt. (Diesen Satz gerne mehrmals lesen.)

Tatsächlich gibt es also nur eine einzige Realität. Diese Realität ist nicht-dual und heißt Paramartha. Diese eine Realität hat es jedoch an sich, dass sie als Vielfalt erscheinen kann – so wie das eine reinweiße Licht in allen Regenbogenfarben leuchten kann.

Die Buddhi, die sich mit den oben beschriebenen Realitätsebenen befasst, wird bereits ein wenig ruhiger dadurch, dass die „Kinder jetzt endlich Namen bekommen“: Wenn ich auf der Suche bin, wenn ich ein Buch lese, wenn ich meinem Lehrer Fragen stelle, dann ist das mein freier Wille und geschieht in Vyavahara.

Genauso wie ich aus einem Traum in Vyavahara hinein erwache, kann ich aus Vyavahara in Paramartha hinein erwachen. Tatsächlich ist genau dies auf meiner Wahrheitssuche das Ziel meines freien Willenseinsatzes.

 

Verstehen und Missverstehen

Wenn die Buddhi jedoch wirklich wach ist, wird sie jetzt weiterfragen: Wie kommt es dazu, dass wir eine duale Vielfalt für real halten, statt des nicht-dualen Einen und Einzigen?[3]

Es gibt mehrere Erklärungsmöglichkeiten hierfür, doch eine der wichtigsten habe ich bereits im Essay 9 – 2012 beschrieben. Bitte lesen Sie es, bevor Sie in diesem Text weitergehen: http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=52 

 

Paramartha nennt man auch Sat oder Satya.

Alles andere ist Mithya.

Sowohl Vyavahara als auch Pratibhasa ist also Mithya.

Mithya ist damit relativ real.

Sat/Satya ist absolut real.

(Es ist kein Anzeichen von Dummheit, wenn man diese Sätze mehrmals lesen muss, um sie zu verstehen – nur ein Anzeichen dafür, dass die Buddhi noch Training braucht.)

 

Eine andere Übersetzung für Mithya ist „Missverständnis“. Worauf beruht dieses Missverständnis? Es beruht darauf, dass die bloße Form nicht unterschieden wird von dem, woraus sie tatsächlich besteht. Einen Becher halten wir für völlig real. Tatsächlich ist er jedoch ein Konstrukt. Seine Substanz ist nämlich nicht der Becher selbst, sondern etwas anderes, etwa Plastik, Steingut, Glas oder Pappe. Nehmen wir dem Becher diese Substanz, ist der Becher ab sofort verschwunden. Becher ist Form. Mehr nicht.

Ebenso ist jedes Objekt unserer Wahrnehmung eine Form – der wir zwar eine Bezeichnung geben können, die sich aber ohne das, was ihr zugrunde liegt, als substanzlos erweist und verschwindet. Auch Plastik, Steingut, Glas oder Pappe sind Formen. Und das, was ihnen zugrunde liegt, ebenfalls. Man muss es anhand unterschiedlichster Objekte durchspielen, um wirklich zu verstehen, dass es hier keine Ausnahme gibt. Grobstoffliche, so genannte materielle, Objekte machen es uns einfacher, da wir uns mit ihnen besser auskennen. Aber auch feinstoffliche Objekte folgen diesem Prinzip, zum Beispiel Gedanken, Gefühle, Energien.

Am Ende gibt es immer eine kleinste Einheit, zum Beispiel Quarks, die allem zugrunde liegt. Quarks sehen immer gleich aus (soweit man hier von „Aussehen“ sprechen kann), egal ob sie einem Fahrrad, einer Wolke oder einem Lebewesen zugrunde liegen. Doch dass Quarks der Urgrund allen Seins sind, ist höchst unwahrscheinlich, denn die Wissenschaft wird mit Sicherheit irgendwann eine noch kleinere Einheit entdecken. Insofern sind Quarks äußerst unzuverlässig und nicht geeignet, sich in sie als eigentlichem Urgrund hineinfallen zu lassen.

Vedanta sagt, dass der Urgrund keinerlei stoffliche Komponente hat. Denn was stofflich ist, steht immer etwas Anderem gegenüber. Genauso wenig kann der Urgrund Objekt der Wahrnehmung sein. Und was Objekt der Wahrnehmung ist, ist immer getrennt vom Subjekt, dem Wahrnehmenden. Stofflichkeit und Objektivität weist auf Dualität hin – nicht auf das eine ungetrennte reine Sein, das alles durchdringt und allem zugrunde liegt. Und, wenn die Realität nicht-dual ist, kann man nur bezogen auf dieses ungetrennte reine Sein sagen: Das bin ich.

Objekte als Mithya zu bezeichnen, ermöglicht es der Buddhi, logisch nachzuvollziehen, wieso die Realität nicht-dual ist, obwohl sie als dual erscheint. Denn auch wenn der Becher als ein Etwas erscheint, das anders ist als der Mensch, der aus ihm trinkt, sind beide Objekt der Wahrnehmung und daher mithya – reduzierbar auf immer noch kleinere Objekte der Wahrnehmung, die sich bei näherem Hinsehen, ebenfalls als Mithya herausstellen.

Das, was allem zugrunde liegt, ist gemäß dem Vedanta nicht materiell. Eine einzige nicht-materielle Substanz sorgt dafür, dass wir uns und die Welt als existent wahrnehmen. Wir missverstehen sie zwar als unser eigenes Körper-Geist-System, das getrennt ist von anderen Objekten. Aber wir stellen weder unsere eigene Existenz infrage, noch die der wahrgenommenen Objekte.

Da IST etwas.[4]

Zurück zum freien Willen: Das, was einen freien Willen hat, ist mithya. Auch der freie Wille ist mithya. Und das Gewollte, ist ebenfalls mithya.

Der Sucher ist mithya. Sein Suchen ist mithya. Und das, was er sucht, ist ebenfalls mithya. 

Selbst, wenn er auf der Suche nach dem einen Sat oder Satya ist.

Das scheint absurd. Aber es kann nicht anders sein, denn die Suche richtet sich immer auf ein Objekt, selbst wenn dieses Objekt das Subjekt ist, also das wahre Sein.

Über diese Absurdität werde ich ein anderes Mal schreiben. Falls Ihr mir rückmeldet, dass es Euch brennend interessiert, werde ich schon im nächsten Monat darüber schreiben. So wie ich alle Themen aufgreife, von denen ich höre, dass sie Euch brennend interessieren.


[1] Dies ist auch der Grund, weshalb Advaita Vedanta die Lehrer-Schüler-Beziehung für unverzichtbar hält. Nur ein Lehrer, der den Schüler kennt und über eine lange Zeit persönlich begleitet, ist potentiell in der Lage, dessen Fragen klären.

[2] Ich lasse neuere wissenschaftliche Theorien, die hierfür Erklärungsmodelle anbieten, absichtlich außen vor, weil diese Theorien auf Forschungsergebnissen beruhen, die nicht unangefochten sind. Eine gut ausgebildete Buddhi wird sich ohnehin nicht auf wissenschaftliche Theorien verlassen, da diese jederzeit durch neuere Theorien ersetzt werden können.

[3] Dies ist nicht die Frage nach dem Warum. Antworten auf die Frage nach dem Warum sind bloße Spekulation und Glaubenssätze. Auf Warum-Fragen antwortet auch das Advaita-Vedanta nicht – sondern sagt: Nimm das, was du vorfindest und erkläre es logisch und in Übereinstimmung mit den Aussagen der Erleuchteten (was identisch ist mit den Aussagen des Vedanta).

[4] Hier ist das Vedanta mit seiner Logik nicht am Ende. Doch um dieses Essay zu beenden, werde ich jetzt nicht weiter darauf eingehen, wieso das reine Sein der Urgrund unseres Daseins ist.

 




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