essays7/2015

Advaita Vedanta und Christentum

 

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Advaita Vedanta und dem Christentum?

Um etwas Neues zu verstehen, ist es oft nützlich, wenn man das Neue mit etwas vergleicht, das einem vertraut ist. Ich möchte daher das uns allen mehr oder weniger bekannte Christentum mit dem Advaita Vedanta vergleichen. Beide unterscheiden sich grundlegend, denn dass Mensch, Welt und Gott ein und dasselbe sind, dass man dies erkennen kann und dadurch befreit ist, widerspricht, soweit mir bekannt ist, allen christlichen Lehren. Im Folgenden geht es nur um Punkte, die Advaita-orientierte Wahrheitssucher verstehen sollten, nicht um sämtliche Unterschiede zwischen den beiden Richtungen.

Obwohl ich mich mit dem Christentum ein wenig auskenne, habe ich kein fundiertes theologisches Wissen. Ich beschreibe hier also das, was man im Allgemeinen unter Christentum versteht und gehe nicht auf spezielle Strömungen ein. Insbesondere beziehe ich mich nicht auf die christlichen Mystiker, die dem Advaita Vedanta in Vielem gleichkommen. Wie bei den anderen Essays auch, freue ich mich über Hinweise, Ergänzungen, Kritik oder Fragen.

 

Christentum und Hinduismus 

 

Viele Leben oder ein Leben

Um den Unterschied von Christentum und Advaita Vedanta zu verstehen, muss man den Hinduismus[1] im Allgemeinen mit einbeziehen. Denn einige dieser Unterschiede betreffen nicht speziell das Vedanta, sondern den gelebten Hinduismus. Das Praktizieren des Hinduismus, so wie man ihn gemeinhin lebt, gilt im Advaita Vedanta zwar als wertvoll, dient jedoch nur der Vorbereitung des Suchers. Dem Advaita Vedanta geht es um etwas, was auch die gelebte Religion des Hinduismus transzendiert.

Zum Hinduismus gehört zum Beispiel die Reinkarnationslehre: Man geht man davon aus, dass jeder viele unterschiedliche Inkarnationen durchläuft, so lange, bis ihn die Erleuchtung aus diesem Zyklus der Wiedergeburten befreit – etwas, das natürlicherweise für jeden vorgesehen ist.

Dagegen hat im Christentum jeder nur ein einziges Leben. Nach dem Tod muss der Mensch sich vor Gott verantworten und kommt entweder in den Himmel oder in die Hölle oder ihm wird noch eine Läuterungsphase im Fegefeuer[2] eingeräumt, bevor dann am Tag des letzten Gerichts die endgültige (göttliche) Endscheidung darüber fällt, ob der Mensch würdig ist, leiblich aufzuerstehen (so wie Jesus leiblich auferstanden ist). Nach dem jüngsten Tag ist dann die Welt grundlegend gewandelt.

 

Das Göttliche 

Sowohl im Hinduismus im Allgemeinen wie auch im Christentum ist das Göttliche das Höchste (nicht jedoch im Advaita Vedanta, siehe unten).

Die Vorstellung, die man sich vom Göttlichen macht, unterscheidet sich allerdings. Im Hinduismus drückt sich das eine Göttliche in unendlich vielen Formen aus, daher gibt es so viele verschiedene Götter. Grundsätzlich kann jeder alles zu seinem Gott erklären, den er verehrt – wobei die meisten Hindus einen oder mehrere der bekannten hinduistischen Götter wählen. Der Akzent liegt mehr auf der Handlung des Verehrens, als darauf, ob es der richtige Gott ist, denn jeder Gott ist richtig.

Dagegen gibt es im Christentum nur drei Formen, in denen sich das eine Göttliche ausdrückt: als Vater, als Sohn Jesus Christus und als heiliger Geist. In diesen drei Formen wird das Göttliche verehrt. 

Der christlichen Dreifaltigkeit steht also eine hinduistische „Unendlichfaltigkeit“ gegenüber. Um das christliche Repertoire zu erweitern, könnte man noch die christlichen Heiligen dazu nehmen, womit auch das weibliche Element ins Spiel käme. Die weiblichen Heiligen entsprächen dann den Göttinnen im Hinduismus. Doch die christlichen Heiligen sind dem Göttlichen untergeordnet, während hinduistische Göttinnen und Götter das Göttliche in gleicher Weise vertreten.

Im Hinduismus sind Götter und Göttinnen Manifestationen des einen geschlechtslosen Göttlichen. Man macht also einen Unterschied zwischen den einzelnen Göttern/Göttinnen und dem Göttlichen, das sie alle umfasst. (Das Vedanta befasst sich mit dem, was noch darüber hinausgeht: das eine Brahman, aus dem alles, das Göttliche, die Welt und der Mensch, besteht.)

 

Zeit und Ewigkeit 

Grundsätzlich bezeichnet man im Hinduismus das als ewig, was ohne Anfang und ohne Ende ist und sich nie verändert.

Im Hinduismus sind weder Götter, noch Menschen, noch irgendeine der feinstofflichen Welten, ewig. All dies ist entweder manifest oder nicht manifest. Und die Zeit, die eine Seele in einer der feinstofflichen Welten verbringt, ist ebenfalls begrenzt und nicht ewig. Denn letztlich geht es um Moksha, die Erleuchtung, sie allein weist über alles Endliche hinaus und ist nur in einer menschlichen Inkarnation zu erlangen.

Moksha wird im Hinduismus von unterschiedlichen Richtungen unterschiedlich definiert. Aber klar ist, dass Moksha ewig ist. Deshalb ist es so erstrebenswert, denn nur das Ewige befreit und bringt Frieden. 

Im Hinduismus hat man eine zyklische Vorstellung von der Zeit. Hindus leben mit der Idee, dass das Universum schon immer und für immer durch Zyklen geht. Entweder ist das Universum manifest oder eben nicht, aber es ist immer da. Es hat keinen Anfang und kein Ende, aber es existiert in der Zeit – wohingegen das übergeordnete Göttliche jenseits von Zeit existiert. (Im Vedanta gehört auch das Göttliche zu den Erscheinungsformen. Nur Brahman/Atman ist zeitlos, also ewig.)

Nach christlicher Vorstellung ist allein Gott ewig und, um auch den Menschen und der Welt ewiges Leben zu ermöglichen, hat er seinen Sohn Jesus gesandt. Dieses ewige Leben manifestiert sich jedoch erst nach dem jüngsten Gericht und auch nur für die, die an Jesus Christus glauben. Denjenigen, die nicht an ihn glauben, droht die ewige Verdammnis.

Zur Zeitvorstellung im Christentum kann ich wenig sagen. Aber es ist klar, dass sie linear ist. Am Anfang steht die Schöpfung, am Ende das jüngste Gericht. Soweit ich es verstehe, gilt das, was vor dem Anfang war und nach dem Ende sein wird, als jenseits der Zeit.

 

Resultat oder Sünde

Im Hinduismus hat man, im Zusammenhang mit der Vorstellung von Reinkarnation, die Lehre vom Karma. Das heißt, jeder ist für seine künftigen Inkarnationen selbst verantwortlich. Denn das, was er säht, wird er ernten. Es gilt das Gesetz von Ursache und Wirkung. Gute Taten, gute Wirkung, sprich: angenehme zukünftige Inkarnationen. Schlechte Taten, schlechte Wirkung, sprich: unangenehme zukünftige Inkarnationen. Was gut und was schlecht ist, ergibt sich aus dem, was man als ethische Grundregel bezeichnen kann: Verhalte dich anderen gegenüber so, wie du dir wünschen würdest, dass sie sich dir gegenüber verhalten. „Sünde“ ist also unethisches Verhalten, das automatisch und ohne die Notwendigkeit einer strafenden Instanz eine ungünstige Wirkung auf das eigene Leben hat (entweder sofort oder in späteren Inkarnationen). Diese ungünstige Wirkung ist keine Strafe von dem, der die Gesetze erlassen hat, sondern das Resultat der eigenen Taten: bei unethischem Verhalten schlechtes Karma, bei ethischem Verhalten gutes Karma. 

Im Christentum gibt es dagegen von Gott erlassene Regeln, deren Übertretung er bestraft und deren Befolgung er belohnt. Dazu gehören auch die Vorschriften über das, was geglaubt werden muss. Wer sich nicht an Gottes Gesetze hält, sündigt. In der evangelischen Kirche ist die menschliche Natur jedoch an sich schon sündig, unabhängig von begangenen Sünden.

Grundsätzlich kann nur Gottes Gnade den Menschen von der Sünde befreien. Auch kann niemand aus sich selbst heraus gut sein, bereits die Fähigkeit dazu, beruht auf Gnade. Wer seine Sünden bekennt, kann durch einen Priester von der Schuld freigesprochen werden. Bei den evangelischen Christen kann das auch ein Mitchrist tun und man darf Gott ohne Mittler um Vergebung bitten. Voraussetzung für die Vergebung ist immer der Glaube an Jesus Christus, der für die Sünden der ganzen Menschheit gestorben ist, damit sie das ewige Leben erlangen können.

Dem Prinzip von Belohnung und Strafe im Christentum entspricht im Hinduismus das Prinzip von Ursache und Wirkung. Hinter letzterem steht die Vorstellung, dass das Universum gut und gerecht ist, und daher auf gute Taten mit Gutem antwortet, auf schlechte Taten mit Schlechtem, selbst wenn diese Antwort mehrere Leben brauchen kann, um zu erfolgen.

 

 Christentum und Advaita Vedanta

 

Jetzt aber zu dem, worum es hier eigentlich geht, das Advaita Vedanta und was es im Vergleich mit dem Christentum ist. Ich möchte drei Aspekte beleuchten:

  • Was ist real?
  • Wieso braucht der Mensch Erlösung?
  • Wie erlangt der Mensch Erlösung?

  

1  Was ist real?

Nicht-Dualität versus Dualität

Advaita Vedanta: Real ist nur das eine Brahman/Atman, auch wenn es anders erscheint – als Universum, als Mensch, als Gott. Warum es anders erscheint, lässt sich logisch erklären.[3]

Christentum: Gott ist real und seine Schöpfung ebenfalls, beides ist ewig getrennt voneinander. Außerdem gibt es noch Satan, der auch real ist, der nicht unter Gottes Kontrolle steht und die Menschen zur Sünde verleitet.

 

2  Wieso braucht der Mensch Erlösung?

Irrtum/Unwissenheit versus Erbsünde

Advaita Vedanta: Der Mensch ist und alles andere Wahrnehmbare ist dasselbe wie Atman/Brahman. Doch wird der Mensch in Unwissenheit um seine wahre Natur (als dieses eine Brahman/Atman) geboren. Diese Unwissenheit kann durch Wissen ersetzt werden. Es ist das Geburtsrecht eines jeden Menschen, dass dies irgendwann im Laufe seiner vielen Inkarnationen passiert. Advaita Vedanta bietet eine ausgefeilte Methode, um diese Erkenntnis zu erlangen.

Christentum: Der Mensch wird sündig geboren, weil seine Vorfahren Adam und Eva eines von Gottes Geboten missachtet haben. Sie durften nicht vom Baum der Erkenntnis essen und haben es dennoch getan. Durch diesen Sündenfall hat der Mensch sich gewissermaßen von Gott losgesagt. Die Erbsünde wird auch als angeborene Schwäche des Menschen aufgefasst, die ihn immer wieder dazu treibt, zu sündigen.

Befreiung von der Erbsünde ist grundsätzlich nur durch Gottes Gnade möglich. Wer sich an Gottes Gebote hält und an Jesus Christus glaubt, hat eine gute Chance auf diese Gnade.

 

3  Wie erlangt der Mensch Erlösung?

Erkennen versus Glauben

Advaita Vedanta: Advaita Vedanta ist eine Erkenntnislehre. Die Erlösung von der Unwissenheit erfolgt allein durch die Erkenntnis, dass man einem Irrtum aufgesessen ist, und indem man stattdessen die wahren Verhältnisse erkennt. Der Erkenntnisweg steht grundsätzlich jedem Menschen offen, aber nur sehr wenige interessieren sich für ihn. Er steht am Ende einer langen spirituellen Entwicklung, die alle Menschen durchlaufen.

Generell kann von allen lebenden Wesen nur der Mensch die Erkenntnis erlangen, weil nur er das nötige Ich-Bewusstsein, die geistigen Fähigkeiten und einen freien Willen hat. Das menschliche Ich kann sich entschließen, diesen freien Willen und die geistigen Fähigkeiten für die Erkenntnis einzusetzen. 

Diesen Entschluss fassen aber nur diejenigen, die alle anderen Möglichkeiten von Glück und Erfüllung verwerfen können, weil sie erkannt haben, dass jedes Glück und jede Erfüllung, die man durch Tun erlangt, vergänglich ist. Das einzige, was nicht vergänglich und daher lohnenswert ist, ist die Erkenntnis dessen, was bereits der Fall ist. Denn das, was bereits der Fall ist, wird bestehen bleiben, weil es ja schon immer da war. Es ist ewig.

Das ist Moksha im Sinne des Advaita Vedanta.

Bis der Mensch an den Punkt kommt, an dem er sich für den Weg der Erkenntnis entscheidet, hat er also eine lange Zeit mit allen möglichen  Aktivitäten verbracht (unspirituellen und spirituellen), von denen er sich Erlösung versprochen hat. Lange Zeit bedeutet viele viele Inkarnationen. In dieser Zeit spielt gelebte Religion eine wichtige Rolle, es ist eine Zeit mit dem Fokus auf Karma Yoga. Karma Yoga habe ich schon oft erwähnt und in der Fußnote unten noch einmal zusammengefasst.[4] Diese Reifezeit des Menschen ist unbedingt notwendig und sinnvoll, daher auch die sprichwörtliche Toleranz der meisten Hindus anderen Religionen gegenüber – welche ebenfalls zur Reifezeit dazugehören können.

Christentum: Diese Religion ist ein Glaubenssystem. Der eine (dreifaltige) Gott ist Schöpfer, außerdem ist er in Gestalt des Menschen Jesus Christus als Erlöser geboren worden. Wer an ihn und an alles, was in der Bibel steht und in kirchlichen Schriften niedergelegt wurde, glaubt, wird am Ende erlöst – solange er nicht darauf beharrt, im Unglauben und in der Sünde zu bleiben.

 

[1] Der Hinduismus ist im Vergleich mit anderen Religionen außerordentlich vielschichtig und vereint eine beinahe unübersehbare Anzahl unterschiedlicher Ansätze. Dennoch gibt es einige Merkmale, die üblicherweise für alle Hindus gelten.

[2] Wikipedia: Im Fegefeuer besteht die Qual darin, dass der Verstorbene zwar schon die vollkommene Gegenwart und Liebe Gottes spürt, sich aber aufgrund seiner Sünden dieser Liebe nicht würdig fühlt. Genau das macht den großen Schmerz aus. Der Mensch wird so von seinen letzten Sündenfolgen aus der zeitlichen Existenz durch seine Reue geläutert.

[3] Ein Essay hierzu ist das vom September 2012, Ist die Welt eine Illusion?

[4] Karma Yoga:

1  Ethisches Handeln ist die Grundvoraussetzung für Karma Yoga, wobei die Ethik sich nach dem relativ einfachen Grundmuster richtet: Ich handle so, wie ich gerne behandelt werden möchte und ich handle nicht so, wie ich selbst nicht behandelt werden möchte.

2  Ausschlaggebend für Karma Yoga ist bei jeglichen Handlungen die folgende Haltung: Ich tue, was ich tun kann und weiß, dass das Ergebnis meiner Handlung nicht in meiner Hand liegt. Das heißt, dass ich zwar von meinen Handlungen überzeugt, aber nicht mit ihnen identifiziert bin.

Hierzu gehört im Vedanta notwendig das Göttliche. Das Göttliche ist nichts anderes als die Gesamtheit aller natürlichen Gesetze und Ordnungen und ihr nahtloses Ineinandergreifen. Man nennt es Ishvara. Karma yoga bedeutet: Ich handle nach bestem Wissen und Gewissen und überlasse das, was dabei rauskommt, Ishvara.

3  Für denjenigen, der sich auf den Erkenntnisweg begibt, erfüllt Karma Yoga seinen Sinn nur, wenn alles, was man tut, sich letztlich am Ziel Moksha ausrichtet und nicht an den Zielen Sicherheit oder Wohlgefühl (siehe Essay 4/2012).

 




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