essays9/2015

Wie geht das mit dem Glück?

 

Alle möchten glücklich sein und sind glücklich, wenn sie es sind. Und jeder hätte gerne mehr vom Glück. Die Frage ist: Kann man Glück herstellen? Tatsächlich scheint jeder Mensch genau zu wissen, wie man das macht und ist ständig damit beschäftigt, Glück herzustellen. Zumindest versucht er es. „Glück“, so sein Postulat, „entsteht, wenn meine Wünsche in Erfüllung gehen.“ Klar, denkt man, wie sonst?

Bei genauerem Hinsehen stellt sich jedoch heraus, dass das Glücksgefühl, das durch die Erfüllung eines Wunsches entsteht, relativ kurzlebig ist.

Zum einen sind die Wünsche selbst oft kurzlebig. Doch wird sich auch nach der Erfüllung eines wirklich langgehegten großen  Wunsches irgendwann ein Gewöhnungseffekt einstellen, wodurch das Glücksgefühl nach und nach abflacht.

Obendrein ist die Erfüllung selbst oft mit kleinen oder großen Mängeln behaftet und das Glück dadurch mehr oder weniger gedämpft. Es kann sich durch diese Mängel sogar in sein Gegenteil, das Unglück, verkehren.

Zum dritten haben die meisten Menschen eine ganze Anzahl von Wünschen. Wenn einer davon erfüllt wird, gibt es also immer nur ein wenig mehr Glück als vorher, da stets noch andere Wünsche offen bleiben. Egal wie viele Wünsche man sich auch erfüllt, man ist stets nur ein bisschen glücklicher, und dann wieder ein bisschen unglücklicher. Tatsächlich gibt es das ganz und gar ungetrübte Glück in unserer Welt höchstens momentweise.

Interessant ist auch, dass es Menschen gibt, die nur wenige Wünsche offen haben und trotzdem nicht glücklich sind. Andere wiederum haben viele Wünsche offen und sind dennoch glücklicher als die mit den erfüllten Wünschen. So einfach wie es scheint, ist es also doch nicht, denn um glücklich zu sein, braucht man nicht nur erfüllte Wünsche, sondern auch noch ein gewisses Talent.

 

Das Talent zum (relativen) Glück

kann man lernen, denn es gründet sich auf bestimmte Lebenseinstellungen, die man sich zu eigen machen kann. Wer das Talent zum Glück schon in die Wiege gelegt bekam oder es in frühester Kindheit erlernt hat, der hat einfach gutes Karma. Alle anderen müssen etwas dafür tun, was nicht immer einfach ist. Doch dann steht es auch ihnen zur Verfügung.

Allererste Voraussetzung für das Gefühl von Glück ist die Entschlossenheit zum Glück. Wer meint, dass das Glücksgefühl, das man hin und wieder erlebt, wie durch ein Wunder erhalten bleibt, wird wahrscheinlich enttäuscht werden. Nur wem komplett klar ist, dass es bei ihm selbst liegt, glücklich zu bleiben oder zu sein, hat eine gute Chance auf das (relative) Glück.

„Wie soll denn das gehen?!“, fragen sich viele.

Diese Frage beruht zum einen auf der festen Überzeugung, dass das Glück eben doch durch äußere Umstände und die Fähigkeit verursacht wird, diese dahingehend zu beeinflussen, dass die eigenen Wünsche erfüllt werden. Da kann ich nur empfehlen, alles bisher Gesagte noch einmal im Detail durchzugehen.

Hier eine Zusammenfassung:

Glücksrezept

Resultat

Wunscherfüllung

  • relativ kurzlebig
  • Wunsch selbst kurzlebig
  • Gewöhnungseffekt
  • oft mangelhaft
  • nie alle Wünsche erfüllbar
  • liefert nicht absolut zuverlässig Glück

Zum zweiten beruht die Frage auf unserem durch die Psychologie geprägten Selbst- und Weltbild.

Das Gefühl von Glück in die eigene Hand zu nehmen, bedeutet, dass man sich selbst strikt verbietet, immer wieder ins Jammern zu verfallen, den eigenen Fokus aufs Negative und negative Möglichkeiten zu richten oder den eigenen Selbstvorwürfen zuzuhören. In unserer psychologisierten Welt erscheint dies unmöglich und wird pauschal als Verdrängung deklariert: Erst müssen auf jeden Fall die Kindheitstraumata bewältigt, vorgeburtliche Umstände geklärt und die Familiengeschichte aufgearbeitet werden.

Wir können uns eine Weltsicht ohne die Psychologie nicht mehr vorstellen. Richtig ist, dass die Psychologie vielen einen großen Nutzen erweist. Richtig ist aber auch, dass wir in der westlichen Welt mittlerweile außerstande sind, über sie hinauszublicken. Das bedeutet nichts anderes, als dass wir zutiefst mit ihr identifiziert sind. Doch eine psychologische Sicht ist nicht die einzig mögliche Sicht. Es gibt zahllose andere Möglichkeiten, sich die Welt und das Leben zu erklären (einen kleinen Hinweis dazu in Essay 5-12).

Ich sage es daher noch einmal: Das Gefühl von Glück in die eigene Hand zu nehmen, bedeutet, dass man sich selbst strikt verbietet, immer wieder ins Jammern zu verfallen, den eigenen Fokus aufs Negative und negative Möglichkeiten zu richten oder den eigenen Selbstvorwürfen zuzuhören.

Das geht. Es verlangt Übung und Selbstdisziplin. Vor allem aber verlangt es, dass man sich alle vermeintlichen Abkürzungen zum Glück verbietet, sondern entschlossen bei der Einsicht bleibt, dass man selbst der entscheidende Faktor ist und nichts anderes. Einige Beispiele für solche vermeintlichen Abkürzungen:

Irgendwelche Mittelchen, egal  ob allopathisch, homöopathisch, exotische oder heimische Kräuter oder irgendetwas anderes, das man einfach schluckt, um glücklich zu werden.

Alle Methoden und Prozesse, die davon ausgehen, dass es unmöglich ist, allein durch Entschlusskraft ein relativ glückliches Leben zu führen, sondern meinen, dass man notwendigerweise erst noch dies ergründen, das verarbeiten oder jenes transzendieren müsse.

Um glücklich zu werden, verlassen sich die, die sehr esoterisch ausgerichtet sind, auch gerne auf Befreiung von anderen Wesenheiten, Karma-Auflösung  und ähnlich komplizierte Verfahren. Wenn sie helfen, gut. Wenn nicht, dann hilft nur eins: die Erkenntnis, dass niemand anders für das eigene Glücksgefühl zuständig ist als man selbst.

Ich spreche hier nicht von schweren Depressionen, die man definitiv auch mit Medikamenten oder therapeutischen Maßnahmen angehen sollte. Nein,  ich schaue auf den ganz normalen Sucher, dem es mal besser, mal schlechter geht, dem es jedoch an Frustrationstoleranz mangelt (siehe Essay 8-13) und der demzufolge nach einem Schnellverfahren zur Glücksherstellung Ausschau hält, sobald sich eine weniger gute Phase bemerkbar macht.

Alle oben genannten Maßnahmen halten den Unglücklichen in der Vorstellung fest, dass etwas von außen Kommendes ihn von seinem Unglück befreien wird. Und das wird nicht geschehen, jedenfalls wird es keine nachhaltige Befreiung sein. Ich kenne nur ganz wenige Verfahren, die das Übel an der Wurzel packen, also so lange an die Eigenverantwortung erinnern und appellieren, bis die Entscheidung zum Glück getroffen wird und das ewige Unglück ein Ende hat.

 

Gibt es ein Rezept fürs ungetrübte Glück?

Doch auch wer sein Talent fürs Glück erfolgreich entwickeln kann, wird immer wieder Trübungen des Glücks erfahren. Es stellt sich also die Frage, ob man ungetrübtes Glück herstellen kann. Advaita Vedanta beantwortet sie mit einem eindeutigen „Nein“, denn ungetrübtes Glück ist etwas, das man nur entdecken, nicht produzieren kann. Wenn der Mind ganz entspannt ist – etwas, das momentweise durch die Erfüllung eines Wunsches passiert – dann ist für diesen Moment ungetrübtes Glück spürbar. Dieses momentweise Auftauchen von ungetrübtem Glück ist ein Abglanz dessen, was es zu entdecken gibt.

Wie entdeckt man es? Indem man das wahre Selbst erkennt.

Warum hilft das? Weil das wahre Selbst ungetrennt ist, nicht dual. Und nur im Nicht-Dualen ist alles, aber auch alles enthalten – reine Fülle, in der nichts jemals fehlt. Daher ist das wahre Selbst nur ein anderes Wort für reines ungetrübtes ewiges Glück.

Das wahre Selbst ist also nicht glücklich. Es hat keine Glücksgefühle. Das wahre Selbst nimmt sie wahr, aber es ist frei von ihnen. Es ist selbst reines, ungetrübtes, ewiges Glück.

Glücksgefühle kann man begünstigen oder herstellen. Sie entstehen im Mind und vergehen auch wieder. Reines ungetrübtes ewiges Glück kann man nicht herstellen, ja, der Mind kann es sich nicht einmal vorstellen.[1]

Doch er kann sich mitsamt seiner unzulänglichen Vorstellung über das, was er eigentlich sucht, auf die Suche begeben. Dabei sollte er sich mehr und mehr von der Idee losmachen, dass es das Glück ist, was er finden will. Denn diese Idee wird ihn auf zahllose Irrwege führen. Vielmehr sollte das Ziel seiner Suche das wahre Selbst sein. Sein wahres Selbst. Nichts, was irgendwo anders zu finden ist. Da es nur ein einziges wahres Selbst gibt, hat der, der sein wahres Selbst gefunden hat, automatisch auch das wahre Selbst von allem gefunden.

Da ich überzeugt davon bin, dass das Advaita Vedanta den Suchenden bestmöglich begleitet, kann ich hier keine weiteren Empfehlungen für diese Suche geben. Doch ich kann jeden ermutigen, sich, wo immer er meint, der Erkenntnis des wahren Selbst zu nähern, mit vollem Einsatz zu engagieren. Denn es gibt nichts auf dieser Welt, was sich mehr lohnt, als das.

 

Einen kleinen Geschmack vom Advaita Vedanta vermitteln alle Essays auf dieser Seite.

Wer ein bisschen tiefer eintauchen will, hat ab 26.9. die Gelegenheit, an einem Advaita-Retreat mit mir auf der Nordseeinsel Amrum teilzunehmen. Weitere Informationen direkt bei mir und hier: www.haus-Eckart.de (unter "Einfach Klar II" auf "mehr Infos" klicken).


[1] Denn könnte er das, dann wäre dieses Glück ein Objekt seiner Wahrnehmung. Mit anderen Worten: das wahre Selbst wäre Objekt der Wahrnehmung des Minds. Und das wiederum ist unmöglich, wie hier schon oft besprochen.

 




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