essays10/2015

Das göttliche Spiel der Erscheinungswelt

 

Ein Auszug aus dem Buch „Was ist Advaita?“ von Dennis Waite

(Hinzufügungen in eckigen Klammern von mir)

 

„Lila – Das göttliche Spiel

(...) es ist alles ein Spiel, das unserer Freude dienen soll. Das [wahre] Selbst spielt natürlich alle Rollen, da es ja niemand anderen gibt. Doch damit es funktioniert, darf sich kein Spieler dessen bewusst sein und muss sich vielmehr für ein individuelles Wesen halten: Die Unwissenheit ist eine Voraussetzung für ein erfolgreiches Spiel. Außerdem werden sowohl Bösewichte als auch Helden benötigt. (...) Das Spiel ist Komödie und Tragödie, bedeutungsschwer und trivial gleichzeitig, alles, was wir uns nur vorstellen können. Wir glauben, es sei real, doch tatsächlich sind wir nur die Schauspieler auf einer Bühne. Letzten Endes wird niemand verletzt, niemand stirbt oder wird geboren; es ist einfach eine großartige Illusion und eine prima Unterhaltung für das Selbst. Das ist die Theorie von Lila, dem kosmischen Spiel.

Erscheinung

Eine klassische Metapher für die Wirklichkeit im Gegensatz zur Erscheinung wird von Plato in seinem Werk „Der Staat“ verwendet. Er fordert uns auf, uns eine unterirdische Höhle vorzustellen, in der Sklaven so gefesselt sind, dass sie ihre Köpfe nicht bewegen können; sie können nur geradeaus auf die glatte, hintere Wand der Höhle schauen. Hinter den Sklaven führt eine Straße entlang. Sie wird seitlich von einer [niedrigen] Mauer gesäumt, sodass nur der obere Teil der Menschen und Dinge darüber ragen. Oben hinter den Sklaven brennt ein Feuer, dessen Flammen die Straße beleuchten und Schatten von allen möglichen Menschen und Objekten, die hin und hergehen, an die gegenüberliegende Wand der Höhle werfen. Die Gefangenen können nur diese Schatten sehen – weder die Objekte noch die Flammen, weder sich gegenseitig noch sich selbst. So geht es schon ihr Leben lang. Sie glauben, dass die Schatten die Realität sind und können nicht verstehen, dass Objekte existieren könnten, die diese Schatten werfen. Sie können auch nicht den Mechanismus verstehen, durch den die Phänomene entstehen. Wenn ein Passant etwas sagt und seine Stimme von der Wand der Höhle als Echo widerhallt, glaubt der Gefangene, der Schatten spreche. Wenn der Vorübergehende eine Sache trägt, kann der Sklave nicht erkennen, welcher [der beiden] Schatten spricht und welcher das Objekt ist. Er hält beides für intelligent.

Die Sklaven denken sich nun einen Wettbewerb aus, bei dem jeder vorauszusagen versucht,  welche Formen als nächstes erscheinen denn sie beobachten die Gestalten und Bewegungen genau und erinnern sich auch an frühere Bilder. Je geschickter sie bei diesem Zeitvertreib sind, umso höher stehen sie in der Hierarchie, und der Erfolgreichste wird zu ihrem Führer gewählt.

Genauso stellt sich uns unser gegenwärtiges Leben – die Erscheinungswelt – dar. Auf Sanskrit heißt sie Vyavaharika[1] – der relative oder scheinbare Zustand der Existenz – ein Zustand völliger Täuschung.

Plato fordert uns sodann auf, uns die Gefühle eines solchen Sklaven vorzustellen, wenn dieser plötzlich befreit werden würde und sich umdrehen müsste, um zur Straße zu schauen. Da er sein Leben lang in derselben Position verbracht hätte, wäre jede Bewegung schmerzhaft. Der direkte Anblick des Feuers oder das Erblicken des Tageslichts hinter der Höhle wäre äußerst unangenehm, da er kaum Licht gewohnt wäre, und er würde kaum etwas erkennen können. Wenn man ihm sagen würde, dass die Dinge auf der Straße die „Wirklichkeit“ sind und die Schatten, die er bis dahin für seine Welt gehalten hatte, eine Illusion, könnte er das nur schwerlich akzeptieren und würde eher den Menschen, der es ihm sagen würde, für verrückt halten. Würde man ihn zwingen, aus der Höhle heraus ans Sonnenlicht zu gehen, würde er lange brauchen, bevor er überhaupt etwas sehen und sich einen Reim darauf machen könnte.

Irgendwann jedoch könnten sich sein Augen anpassen. Er würde sich des Mechanismus bewusst werden, wie die Schatten überhaupt entstehen, und könnte die wirklichen Objekte von ihren Schatten oder Reflektionen unterscheiden, bis er schließlich eine Ahnung von der Sonne selbst bekäme, der Quelle all dieser Erscheinungen. Das entspricht der Art und Weise, wie die Dinge wirklich sind – dem Noumenalen (wie Plato das mit dem Geist zu Erkennende im Unterschied zu den mit den Augen zu sehende Erscheinungen nennen würde) oder, wie es auf Sanskrit heißt, Paramarthika.

Dann, so Plato, würde die Zeit kommen, wo der Mann zur Höhle zurück wolle, um seine Freunde zu retten und ihnen die neu entdeckten Wahrheiten zu offenbaren. Er stiege wieder in die Höhle herab, doch seine Augen hätten Schwierigkeiten, sich wieder an die Dunkelheit zu gewöhnen. Er käme fast blind in der Höhle an, und wenn man ihn drängen würde, am Wettbewerb der anderen teilzunehmen, würde er schlechter abschneiden als der Unfähigste unter ihnen. Sie würden ihn nun als den Geringsten ihrer Gruppe betrachten und was er ihnen zu sagen hätte, würden sie höchstens als Phantasie eines Verrückten abtun. Sie würden ihn eher töten, als ihm zu erlauben, „sie zu retten“ und ins Licht zu führen, um dort dieselbe Erfahrung wie er machen zu müssen. Vielleicht sei er ja „erleuchtet“, doch sie würden es vorziehen, in der Dunkelheit zu bleiben.

Das ist die Situation, in der wir uns befinden. Da Sie immer noch dieses Buch lesen[2], sieht es nicht so aus, als seien Sie völlig glücklich damit, Ihr ganzes Leben in den Tiefen der Höhle zu verbringen. Wollen Sie das Risiko eingehen, sich auf den Weg hinaus ins blendende Licht der Wahrheit zu machen?

Es wurde zuvor erwähnt, dass wir die Wirklichkeit tatsächlich nicht so erkennen könne, wie wir es uns wahrscheinlich vorstellen. Wenn wir das Buch vor uns anschauen, bezweifeln wir normalerweise nicht die „Wahrheit“ dessen, was unsere Sinne uns mitzuteilen scheinen, nämlich, dass wir ein konkretes Objekt mit festgelegten Eigenschaften (Farbe, Beschaffenheit, Geruch usw.) vor uns haben, und all die

se Eigenschaften wären „wahr“. Wir mögen zwar die Täuschung im Höhlengleichnis verstehen, aber wir empfinden nicht, dass es sich auf alle unsere täglichen Erfahrungen bezieht.“

 

Dennis Waite hat mir die Erlaubnis gegeben, diesen Auszug aus seinem Buch zu verwenden. Dennis ist Engländer und hat viele Bücher über Advaita Vedanta veröffentlicht (auf Englisch). „Was ist Advaita?“ ist die gekürzte deutsche Fassung seines „The Book of One“. Dennis Waite ist Eigner der Webseite „Advaita Vision“, war maßgeblich beteiligt an der Gründung der Website „Advaita Academy“und Mitbegründer der Yahoo Advaitin-Gruppe, wo er als einer der Moderatoren wirkt.

 

Links zum Höhlengleichnis:

https://de.wikipedia.org/wiki/Höhlengleichnis

http://www.thur.de/philo/philo5.htm

 

Animation auf Youtube

https://www.youtube.com/watch?v=XcfhDs9l6mQ



[1] Siehe Essay 1-2012, http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=16

Vyavaharika ist das Adjektiv zu Vyavahara.

[2] [immerhin auf Seite 143 angekommen sind]




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