essays11/2015

Grenzenlosigkeit

 

Die Weisen des Ostens sprechen davon, dass ein Aspekt unseres wahren Selbst Grenzenlosigkeit ist. Das heißt, dass das was wir in Wahrheit sind, nicht die begrenzte Körper-Geist-Einheit ist, die wir kennen, sondern in jeder Hinsicht unbegrenzt. Kein Wunder, dass die meisten Menschen, insbesondere im Westen, dies für baren Unsinn halten. Schließlich gehen wir tagtäglich mit unserer eigenen und anderen Körper-Geist-Einheiten um. Wer aber ist jemals etwas Grenzenlosem begegnet?

Logischerweise ist eine solche Begegnung ja auch ein Ding der Unmöglichkeit. Grenzenlosigkeit muss eins sein, sonst gäbe es schon wieder eine Grenze. Man kann der Grenzenlosigkeit daher nicht begegnen, denn in jeder Begegnung gibt es mindestens zwei. 

Da man ihr nicht begegnen kann, kann man sie auch nicht erfahren. Glücklicherweise ist Advaita Vedanta der Weg der Erkenntnis, wo es nicht um Begegnung oder Erfahrungen geht. Es geht einzig darum, das, was bereits der Fall ist, zu erkennen. Das heißt, wenn die Grundaussage des Advaita Vedanta stimmt, nämlich dass jeder bereits Grenzenlosigkeit ist und es überhaupt nichts anderes gibt, und man diese Tatsache als wahr erkennt, dann erübrigt es sich, der Grenzenlosigkeit zu begegnen oder sie zu erfahren.

Die Buddhi, unser höherer Mind, ist in der Lage sich der Grenzenlosigkeit anzunähern, indem sie sich geistig mit ihr auseinandersetzt. Wie immer im Vedanta stellt sie zuallererst die Frage nach der Definition des Begriffs:

 

Was genau ist Grenzenlosigkeit?

Da man aus eigener Anschauung nichts Grenzenloses kennt, sollte man das Konzept genauer unter die Lupe nehmen. Die Weisen des Advaita Vedanta haben drei Aspekte voneinander unterschieden, die nur zusammengenommen wahre Grenzenlosigkeit ausmachen. 

1. Räumliche Grenzenlosigkeit

Auch sie kennen wir nur vom Hörensagen, denn wer ist schon in der Lage zu testen, ob zum Beispiel das Weltall wirklich grenzenlos ist. Aber zumindest haben wir eine vage Vorstellung von unbegrenztem Raum.

2. Zeitliche Grenzenlosigkeit – Ewigkeit

ist ebenfalls nur vage vorstellbar. Was hat nie begonnen und geht niemals zu Ende? Was ist ewig? Die Antwort darauf gehört in den Bereich „Theorie, Glaube, Konzept“. In der Wissenschaft gibt es diesen Begriff nicht. Dennoch gibt es Theorien, Glauben, Konzepte. Zum Beispiel gilt in den monotheistischen Religionen Gott als ewig.

(Das ewige Leben dagegen kann nicht wirklich ewig sein, da es zwar kein Ende, aber einen Anfang hat.)

Im Hinduismus (und als vorläufige Wahrheit im Advaita Vedanta) heißt es, dass Information ewig und unzerstörbar ist. Aus der Gesamtheit aller Informationen heraus entstehen feinstoffliche und grobstoffliche Formen, die, wenn sie vergehen, wieder zu reiner Information werden. Selbst wenn das ganze Universum vergeht – was immer mal wieder passiert -, bleibt reine Information, aus der heraus sich irgendwann ein neues Universum bildet.

3. Objektbezogene Grenzenlosigkeit

Das ist das, was ich oben angesprochen habe: Wahrhaft grenzenlos ist das, was „kein zweites kennt“, so heißt es in den Upanishaden. Immer wenn man etwas anderes findet als das, was man grenzenlos/ewig nennt, fehlt die objektbezogene Grenzenlosigkeit.

 

Objektbezogene Grenzenlosigkeit

Diese dritte Form der Grenzenlosigkeit macht einen großen Unterschied. Denn die anderen beiden Grenzenlosigkeiten können einander ausschließen: Was räumlich grenzenlos ist, muss nicht auch zeitlich grenzenlos sein und umgekehrt. Wissenschaftler mögen davon ausgehen, dass das Universum sich ständig ausdehnt – also räumlich keine Grenze hat. Gleichzeitig sprechen sie vielleicht davon, dass es 13-14 Milliarden Jahre alt ist – also im obigen Sinne nicht ewig. Das Universum wäre also räumlich grenzenlos, aber zeitlich begrenzt.

In der religiösen Ideenwelt sind räumliche und zeitliche Grenzenlosigkeit allerdings meist verknüpft. So gilt Gott als räumlich und zeitlich unbegrenzt – er ist immer überall, war immer schon da und wird immer da sein. Auch die reine Information (die kausale Ebene der Erscheinungswelt) im Hinduismus ist weder räumlich noch zeitlich begrenzt. Die Verknüpfung der ersten beiden Grenzenlosigkeiten bedeutet allerdings nicht, dass die dritte ebenfalls gültig ist.

Oben habe ich gesagt „Immer wenn man etwas anderes findet als das, was man grenzenlos/ewig nennt, fehlt die objektbezogene Grenzenlosigkeit.“ Wenn ich mich auf die Suche nach der objektbezogenen Grenzenlosigkeit mache, gibt es von vorne herein etwas anderes als sie – nämlich mich.

Was ist dann objektbezogen unbegrenzt? Allein das Nicht-Duale (Advaita) erfüllt das Kriterium von objektbezogener Grenzenlosigkeit. Wahrhafte Grenzenlosigkeit schließt mich mit ein. Es gibt nichts anderes. Es gibt nur Eins, und alles, was so erscheint, als wäre es etwas anderes als dieses Eine, erscheint eben nur so.

Doch darf dies kein Glaubenssatz bleiben. Wenn man die Aussage einfach hinnimmt, weil man es ja ohnehin nicht wissen kann, dann bleibt die höchste Erkenntnis aus. Stattdessen bleibt man gefangen in der Vorstellung der eigenen Begrenztheit.

Um diese Vorstellung zu durchschauen und die Gefangenschaft zu beenden, legt man eine Arbeitshypothese des Advaita Vedanta[1] zugrunde und macht sich daran, sie mit Hilfe von Logik zu verifizieren. Gleichzeitig geben die Vedanta-Schriften und Erläuterungen eines qualifizierten Lehrers unschätzbare Unterstützung. 

Nun klingt das alles recht abstrakt. Doch tatsächlich hat es keinen Wert, wenn es abstrakt bleibt. Schließlich geht es um die Erkenntnis des eigenen wahren Selbst, und das ist sehr konkret hier und jetzt bereits da. Tatsächlich war es nie nicht da und wird auch immer da sein. Der Erkenntnisweg des Advaita Vedanta ist ein systematisches Außerkraftsetzen von falschen Vorstellungen, die einen daran hindern, die Wahrheit zu erkennen. Instrumentarium ist die Buddhi, die logisch operiert. Dieser Weg verlangt daher einen relativ geklärten und strukturierten Mind, den man durch vorbereitende Maßnahmen entwickelt.

Wenn ein solcher Mind (in Form von Buddhi) sich mit diesen Essays beschäftigt, ist er in der Lage eine Fülle von Konzepten hinter sich zu lassen. Dennoch entsteht meist keine absolute Klarheit. Um sie zu erlangen, ist es normalerweise notwendig, methodisch vorzugehen, und das ist im Rahmen der Essays nicht möglich. Sie liefern in erster Linie Inspirationen, Denkanstöße. Wer es wirklich wissen will, braucht Anleitung und Unterstützung von jemandem, der weiß, wovon er redet. Obendrein braucht er die Bereitschaft, einem solchen Jemand zuzuhören und von ihm zu lernen.

 

Für alle, die dazu nicht, oder noch nicht, bereit sind, habe ich in diesem Essay einige Sätze oder Absätze hervorgehoben. Wer sich von ihnen wirklich berühren lässt, der wird die Sprengkraft der in ihnen enthaltenen Aussagen erkennen. Indem man sie als Grundlage der eigenen Reflektionen benutzt, sie überprüft, hin und her wendet und vielleicht mit anderen darüber spricht, werden sie eine klärende Wirkung entfalten.



[1] Solche Arbeitshypothesen sind zum Beispiel: Brahman ist alles, was ist. Oder: Ich bin Brahman.

 

 




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