essays9/2017

Buddhi-Fitness-Training

 

Ungeduld ist das Kennzeichen des heutigen Menschen in den westlichen Industriegesellschaften. Schrittweise Prozesse gelten ihm daher als altertümlich, und alles soll möglichst schon gestern geschehen sein. Doch der Faktor „Zeit“ ist nun einmal notwendiger Bestandteil menschlicher Existenz, egal, wie sehr man versucht, ihn für überflüssig zu erklären. Mechanische, technische Prozesse kann man oft erfolgreich beschleunigen, aber alles, was mit Leben zu tun hat, hat seine Zeit und braucht seine Zeit. Da in den westlichen Industriegesellschaften die Neigung besteht, alles Lebendige der Technik unterzuordnen, nehmen Ungeduld und Stress ständig zu.

Auch der westliche spirituelle Sucher, der beginnt, der Frage nachzugehen, wer er jenseits von Geburt, Persönlichkeitsentwicklung und Tod ist, neigt daher dazu, sich nach einer Sofortlösung umzuschauen. Erleuchtung, gerne, aber bitte im Schnellverfahren. Er kann dies sogar spirituell begründen, denn schließlich geht es um die Einsicht in das, was man ohnehin schon ist. Man muss es ja nur erkennen – das sollte doch wohl in Null-komma-Nichts zu machen sein.

Ist es aber nicht. Wenn es so einfach wäre, müsste man sich fragen, warum bisher nicht mehr Menschen diese höchste Erkenntnis erlangt haben.

Die Antwort des Vedanta ist da sehr bodenständig: Wenn du etwas herstellen möchtest, dann brauchst du geeignete Werkzeuge, damit es gelingt. Und wenn du etwas erkennen möchtest, dann brauchst du ebenfalls ein geeignetes Werkzeug, damit es gelingt. Dieses Erkenntnis-Werkzeug ist dein Denkapparat, dein Mind.

Also beginnt die Erkenntnisarbeit des Advaita Vedanta damit, den Mind des Suchers fit zu machen. Wir sagen: Die Position der Buddhi im Mind muss gestärkt, und sie selbst muss geschärft und verfeinert werden, um in der Lage zu sein, die Wahrheit zu erkennen. Denn auch wenn jeder Mensch bereits das ist, was es zu erkennen gilt, Fakt ist: So gut wie niemand kann es erkennen. Das Erkenntnisinstrument der meisten ist nicht gut genug. Aber wenn man möchte, kann man es in die Lage versetzen, gut genug zu sein.

Wie funktioniert nun dieser Prozess? Zunächst einmal: Er funktioniert nicht über Nacht. Bei dem Prozess handelt es sich um ein schrittweises äußerst intelligentes Verfahren, das seine Zeit braucht. Ein kleiner Trost: Wer sich für die Frage interessiert, was er in Wahrheit ist, ist bereits auf dem Weg. Denn diese Frage kommt gar nicht auf, solange jemand nicht schon eine gewisse Befähigung dafür hat. Zumindest diese „gewisse Befähigung“ ist also schon da.

Ich möchte in diesen Essays nicht alle Details dieses Prozesses darstellen, aber ich werde einige grundlegende Prinzipien darlegen.

Was hilft?

Unser Denkapparat/Mind ist ein komplexes Gebilde, mit unterschiedlichen Funktionen. Die Funktion, die dem Wahrheitssucher hilft, die Wahrheit über sich selbst zu erkennen, heißt Buddhi.[1]

Für diese Erkenntnis muss die Buddhi außerordentlich stark, scharf und verfeinert sein, denn es ist eine außerordentliche Erkenntnis.

Was macht die Buddhi schwach?

Die Antwort: Identifikation.

Womit? Mit dem eigenen Wollen.

Im Vedanta heißt das entweder raga – „ich will unbedingt“ oder dvesha – „ich will auf keinen Fall“.

Dabei sind die Inhalte des Wollens oder Nicht-Wollens unwichtig. Was die Buddhi schwächt, ist allein die Identifikation mit dem Wollen an sich, egal ob es eine Beziehung ist, die ich unbedingt will oder eine gesundheitliche Beeinträchtigung, die ich auf keinen Fall will. 

Um die Buddhi zu stärken, geht es nicht darum, das eigene Wollen aufzugeben. Es geht darum, die Identifikation mit dem eigenen Wollen aufzugeben. Zum Thema Identifikation gibt es hier schon einige Essays.[2] Kurz auf den Punkt gebracht: Identifikation bedeutet, dass ich keine Wahl habe, denn ich bin meinem Wollen ausgeliefert. Ich kann es schwer oder überhaupt nicht aushalten, wenn meinem Wollen nicht entsprochen wird. 

Je höher die Erwartungen, desto unangenehmer die Folgen. Denn da niemand ständig bekommt, was er will, äußert sich die Identifikation in allen möglichen Reaktionen auf die Wechselfälle des Lebens: Unruhe, Aufregung, Wutausbrüche, Leiden oder Angstzustände. All dies wiederum beeinträchtigt eine klare Sicht. Scharfsinn und Unterscheidungsfähigkeit können sich nicht entwickeln. Die Buddhi bleibt schwach.

Fazit: Das Instrument auf dem Erkenntnisweg des Advaita Vedanta ist die Buddhi. Der allererste Schritt, um diese Buddhi fit zu machen, damit sie ihre Möglichkeiten voll ausschöpfen kann, ist: raga und dvesha zu reduzieren.

Das mag jetzt allzu einfach klingen.

Aber vielleicht ist es ja so einfach!

Es lohnt sich, das Ganze genau zu durchdenken und zu überprüfen:

Wenn ich leide, woran leide ich? An dem, was mir passiert? Oder daran, dass ich meine, mir sollte etwas anderes passieren?

Und wie wirkt sich so ein Zustand auf meine Denkfähigkeit aus? 

Wie reduziert man das raga/dvesha?

Übungssache: Jedes mal, wenn es mir schlecht geht, gilt es die Identifikation mit dem „ich will unbedingt“ oder „ich will auf keinen Fall“ ausfindig zu machen, die dem Leid zugrunde liegt. Man wird immer eine finden. Sie allein ist die Ursache für das Leid. Deshalb ist die einzig angemessene Antwort auf das Leid, die Identifikation  loszulassen. Jedes mal und immer wieder. Wie gesagt: Fitness-Training.

Das bedeutet:

„Ich will unbedingt“ wird zu „ich hätte es gerne, aber wenn es nicht geht, kann ich damit leben“.

„Ich will auf keinen Fall“ wird zu „Lieber wär’s mir, wenn es nicht passiert, aber wenn doch, dann werde ich damit umgehen.“

Je mehr diese Aussagen aus vollem Herzen gemacht werden, desto angenehmer wird das eigene Lebensgefühl.

Das ist allerdings nicht der Grund dafür, warum der Wahrheitssucher raga/dvesha überwinden will. Der eigentliche Grund für ihn ist: Weil ich die höchste Erkenntnis will, kann ich es mir nicht leisten, die Entwicklung meiner Buddhi durch ständigen Aufruhr im Mind zu behindern.

Hier muss erst einmal eine störende, schädliche Identifikation durch eine förderliche, nützliche ersetzt werden, und die heißt: Ich will es unbedingt schaffen, raga/dvesha in den Griff zu kriegen.

Letztlich wird auch diese Identifikation fallen gelassen oder vielmehr, sie macht sich selbst überflüssig. Aber als Gegenprogramm zu den anderen Wünschen erfüllt sie für eine Weile einen guten Zweck und wird dem Sucher helfen:

Der Erkenntnisweg kann beginnen. Oder, falls man trotz instabiler Buddhi schon einiges erkannt hat, dann wird sich diese Erkenntnis endlich schärfen, verfeinern und stabilisieren.



[1] Die Buddhi ist die Mindfunktion, die potentiell in der Lage ist zu lernen, zu unterscheiden und intelligente Entscheidungen zu fällen.

[2] Essays 8-14, 1-12, 2-12

 




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