essays12/2017

Das Ewige finden oder lieber ewig suchen?

 

Du erlebst dich als begrenztes von allem getrenntes Wesen. Das heißt, du lebst in der Dualität: Da gibt es einerseits dich und andererseits alles andere. Das ist keine besonders schöne Ausgangssituation, weil du immer wieder an deine Grenzen stoßen wirst.

Doch durch glückliche Umstände erfährst du vielleicht davon, dass das Leben nur aufgrund einer irrtümlichen Annahme dual erscheint. Und wenn du wirklich genug hast von dieser Existenz als getrenntes Wesen, dann kann es sein, dass du dich auf die Suche machst, um die Wahrheit über dich selbst und die Welt herauszufinden.

Normalerweise beginnt es mit dem Versuch, Zustände der Entgrenzung herzustellen. Vielleicht mit Alkohol oder Drogen oder, wenn man unabhängig von solchen Substanzen sein will, durch Meditation oder ähnliche Techniken.

Diese Versuche können mehr oder weniger erfolgreich sein, und je erfolgreicher sie sind, desto länger wird man damit fortfahren. Doch diese Zustände, selbst wenn sie Stunden, Tage, Monate und sehr selten sogar Jahre anhalten, diese wundervollen Zustände der Grenzenlosigkeit vergehen wieder. Sie sind nicht ewig. Und nach jedem solchen Zustand erwachst du wieder in die Dualität hinein, die du überwinden wolltest.

 Anscheinend lässt sich weder die Nicht-Dualität noch die Ewigkeit herstellen.[1]

 

Bleiben wir mal bei der Ewigkeit.

Ewigkeit ist ein schwieriges Wort. Was soll denn das eigentlich sein: Ewigkeit? Wir kennen ja nichts Ewiges, denn wenn wir es kennen würden, dann müssten wir selbst ewig sein. Sonst könnten wir gar nicht einschätzen, ob etwas ewig ist oder nicht. Und da die meisten Menschen sich mit ihrem begrenzten Körper-Geist identifizieren, entspricht es nicht ihrer Erfahrung, dass sie ewig sind.

Im allgemeinen Sprachgebrauch bedeutet „ewig“ eher etwas Negatives. Ewig warten zu müssen, ewig im Stau zu stehen, ewig dasselbe serviert zu bekommen. Es bedeutet einfach nur sehr lang oder sehr eintönig. Im Spirituellen Kontext ist es eher positiv, ewige Freude, ewige Seligkeit, ewiges Leben – hier weist es  hin auf etwas, dass man sich wünschen würde, aber das man nicht kennt und daher nur ersehnen kann.

 

Advaita Vedanta geht das Ganze anders an. Erst einmal wird definiert, was man unter Ewigkeit versteht: Ewig bedeutet „ohne Anfang, ohne Ende.“

Und damit finden wir auch die Antwort auf die Frage, warum man nichts Ewiges herstellen kann. Denn etwas ohne Anfang kann nur etwas sein, was schon da ist – sonst hätte es ja einen Anfang.

Wenn man etwas herzustellen versucht, was dann auf einmal ewig so bleiben soll, dann ist das definitionsgemäß unmöglich. Im Vedanta heißt es: Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende.

Das bedeutet, weder die Ewigkeit kann man herstellen, noch die Nicht-Dualität. Beides ist schon immer da gewesen und wird auch immer da sein.

Und wenn du meinst, du kannst es durch irgendwelche Methoden herstellen, auslösen, erreichen, dann wirst du ewig auf der Suche bleiben. Du wirst nie ankommen.

 

Aber es gibt doch Leute, die angekommen sind! Wie haben sie das gemacht?

Sie haben es nicht gemacht. Sie haben alles mögliche gemacht, das schon, aber was sie ans Ziel ihrer Suche gebracht hat, kann nicht etwas sein, was sie getan haben.

Da das, was sie gesucht haben, bereits da ist, müssen sie es entdeckt haben.

Und wie haben sie es entdeckt?

 

Sie haben es erkannt.

Es war schon da.

Sie haben aufgehört, es zu übersehen.

 

Deine Suche nach dem ewigen ungetrennten Dasein hat also nur eine Chance zum Ziel zu kommen: wenn du dich um Erkenntnis bemühst. Handlungen können dich unterstützen, aber das Entscheidende ist ein mentaler Vorgang, ein „Ach so! DAS ist es, was ich bin!“ – und dann sagst du vielleicht „Das ist ja gar nichts Neues“ oder „So einfach!“ oder „Das war ich ja schon immer!“

Genau so ist es: In jedem Moment deines Daseins ist das ewig Ungetrennte, das ewig Nicht-Duale bereits da. Immer schon. Es kann nicht anders sein. Und kann auch nicht vergehen.

 Du übersiehst es nur, solange du nicht genügend Unterscheidungsfähigkeit hast, um deine übliche Identifikation mit einem getrennten Ich als Irrtum zu durchschauen und dich als das zu erkennen, was nicht dual und ewig ist.   

 

Dass es jetzt nicht deiner Erfahrung entspricht, ist klar. Du kennst es nicht. Noch nicht.

Aber weil es eine Tatsache ist und weil es immer schon Menschen gegeben hat, die den Irrtum hinter sich gelassen und diese Tatsache erkannt haben, ist es auch dir möglich.

Vielleicht erkennst du es, weil du auf deiner langen Suche schon vieles verstanden hast. Aber die Chance ist größer, wenn du dich gezielt ums Erkennen kümmerst. Tipps, wie man das angehen kann, gibt es auf den Essay-Seiten und der Gruppen-Seite genügend. Du brauchst ihnen nur nachzugehen.

 



[1] Es gibt einen Zusammenhang zwischen Nicht-Dualität und Ewigkeit. Nicht-Dualität bedeutet Grenzenlosigkeit. Ewigkeit ist die zeitliche Grenzenlosigkeit, also ein Teilaspekt der Nicht-Dualität – welche auch noch die räumliche Grenzenlosigkeit und die objektbezogene Grenzenlosigkeit umfasst.

siehe Essay 11-15,

http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=115

 




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