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essays12/2011

Reflektionen über den Körper

 

Wer die Wahrheit sucht, sucht sich selbst. Nicht das, was er normalerweise unter sich selbst versteht, sondern, das, was er eigentlich und wirklich ist.

Östliche Weise sprechen davon, dass das, was ich wirklich bin, zeitlos (also ewig), formlos (also unendlich) und alles durchdringend/allem zugrunde liegend ist.

Auch wenn sich das noch so absurd anhört – in vielen Lesern dieser Essays bringt es eine Saite zum Klingen. Der eine oder die andere haben vielleicht sogar das Glück, die Wahrheit ihres eigentlichen Selbst bereits erkannt zu haben – nur, dass diese Erkenntnis noch nicht in sämtlichen Situationen stabil ist.

Wie auch immer: Jeder Wahrheitssucher macht die Erfahrung, dass sich vor das, was er eigentlich und wirklich ist, immer wieder Identifikationen mit etwas schieben, was er nicht wirklich sein kann. Eine diese Identifikationen ist die Identifikation mit dem Körper.

Zunächst einmal müssen wir den Körper genauer untersuchen und definieren, was damit gemeint ist. Im Advaita Vedanta unterscheiden wir den grobstofflichen Körper vom feinstofflichen Körper.

Der grobstoffliche Körper

Der grobstoffliche Körper ist reine grobstoffliche Materie: Knochen, Muskeln, Fett, Flüssigkeit, Gewebe usw. Alles, was wir als Lebendigkeit des grobstofflichen Körpers empfinden, ist dagegen dem feinstofflichen Körper zuzuordnen: physiologische Funktionen (rezeptive und produktive) und alles Denken und Fühlen.

Diejenigen, die meinen, sie seien nichts als reine Materie, identifizieren sich mit dem (grobstofflichen) Körper. Alle anderen identifizieren sich mit der einen oder anderen feinstofflichen Körperfunktion und die meisten Menschen mit allen - mit der Energie, die ihnen ermöglicht, tätig zu werden, den Sinnesempfindungen, den Emotionen, der Vorstellung, eine von anderen/m getrennte Person zu sein, den eigenen Erinnerungen oder dem Intellekt und seiner Einsichtsfähigkeit.

Warum ist es so wichtig zu bestimmen, womit ich genau identifiziert bin? Wenn ich nach meinem eigentlichen Selbst suche und (arbeitshypothetisch) davon ausgehe, dass das, was ich von den Weisen höre, stimmt, dann ist offensichtlich, dass ich mein eigentliches Selbst noch nicht wirklich kenne. Also mache ich mich auf die Suche nach dem eigentlichen Selbst. Im Advaita Vedanta nimmt man dann den Weg des neti neti, d.h. man schließt nach und nach alles aus, was man nicht sein kann – solange bis das übrig bleibt, was man nicht mehr ausschließen kann: das wahre Selbst.

Zuallererst untersucht man, wie es um die eigene Identifikation mit dem grobstofflichen Körper steht. Liegt sie wirklich und wahrhaftig hinter mir? Wo verbirgt sie sich vielleicht noch?

Diese Identifikation kann man recht einfach unter die Lupe nehmen, indem man sich vorstellt, einen Körperteil zu verlieren – einen Finger, eine Niere, ein Auge, ein Bein. Wer meint, er sei dann nicht mehr „Ich“, identifiziert sich mit diesem Körper. Auch wer meint, mit 10 kg Übergewicht sei er mehr „Ich“ als mit 10 kg Untergewicht, identifiziert sich mit diesem Körper. Die wenigsten Leser werden sich hier einordnen können. Auch wenn sie vielleicht meinen, ihr Ich erhalte durch Veränderungen ihrer Körpermasse andere Eigenschaften, so bleibt es doch in seiner eigentlichen „Ichhaftigkeit“ dasselbe – egal wie viel kg der Körper auf die Waage bringt und ob er alle 10 Finger hat oder gar keinen. [1]

Bezüglich unserer Identifikationen mit dem Körper – egal ob grob- oder feinstofflich – lohnt sich auch ein Blick auf den Tod. Welche Vorstellungen verbinden wir mit dem Tod und was auf ihn folgt? Die Identifikation mit dem grobstofflichen Körper verbirgt sich beispielsweise in Äußerungen wie: Ich möchte nach dem Tod nicht von Würmern zerfressen werden. Oder: Ich möchte nach dem Tod nicht verbrannt werden.

Wenn man solche Aussagen auf die ihnen zugrunde liegenden Identifizierungen untersucht, entdeckt man vielleicht, dass ein und dieselbe Aussage auf unterschiedliche Identifizierungen hinweisen kann.

„Ich möchte nach dem Tod in einem Friedwald liegen“ kann heißen „Ich stelle es mir wunderschön vor, nach dem Tod in einem stillen Wald zu liegen und in die Baumwipfel zu schauen.“ Auch wenn jeder denkende Mensch natürlich weiß, dass eine Leiche nichts dergleichen tun wird, zeigt sich in dieser Vorstellung eine Identifikation mit dem grobstofflichen Körper.

„Ich möchte nach dem Tod in einem Friedwald liegen“ kann aber auch heißen „Ich mag die Vorstellung, dass mein Körper einem Baum zur Nahrung dient und dass meine Lieben in einen schönen Wald gehen können, um meiner zu gedenken.“ Hier zeigt sich keine Identifikation mit dem grobstofflichen Körper, wohl aber mit feinstofflichen Körperfunktionen, vor allem mit Fühlen, Denken, Erinnerungen und der Ich-Funktion.

Eine andere hartnäckige Identifizierung ist die mit dem Aussehen des Körpers. Auch wer seiner äußeren Erscheinung großen Wert beimisst, ist gut beraten, diese Haltung auf Identifikationen zu untersuchen, die ihr möglicherweise zugrunde liegen.

Was mache ich, wenn ich feststelle, dass ich noch mit dem grobstofflichen Körper identifiziert bin? Zumindest kann ich diese Identifikation logisch in Frage stellen und manchmal werde ich dann zu dem erstaunlichen Schluss kommen, dass sie nichts als eine Denkgewohnheit ist – so als würde ich immer noch an den Weihnachtsmann glauben, obwohl ich längst weiß, dass es ihn nicht gibt.

Wer beispielsweise sicher ist, dass er bereits frühere Leben hatte und wahrscheinlich auch zukünftig weiter inkarniert, der kann logischerweise nicht gleichzeitig davon überzeugt sein, er sei der grobstoffliche Körper. Solche Widersprüche lassen sich aufdecken und ich muss mich entscheiden – den einen Glaubenssatz loslassen und mit dem anderen weitergehen. Wer solche widersprüchlichen Einsichten nebeneinander bestehen lässt, denkt nicht zu Ende und sein Erkenntnisprozess bleibt stecken. Wenn ich etwas als Unsinn erkannt habe, muss ich es konsequent zurücklassen, statt gewohnheitsmäßig daran festzuhalten.

Der feinstoffliche Körper

Schwieriger ist die Identifikation mit dem feinstofflichen Körper. Nehmen wir zunächst die physiologischen Funktionen; das sind zum einen die Energie erzeugenden Funktionen (z.B. Atmung, Verdauung oder Kreislauf), die uns nach außen gerichtete Bewegungen (Sprechen, Greifen, Fortbewegung usw.) ermöglichen und die fünf Sinnesfunktionen, die uns ermöglichen, die Welt der Objekte zu erfahren.

Diese feinstofflichen Funktionen sind gefühlsmäßig noch sehr „nah“ am  grobstofflichen Körper. Doch die Identifikation mit ihnen ist wesentlich schwieriger aufzulösen. Wenn eine dieser Funktionen nicht so abläuft wie erwartet, oder wenn die Sinne Schmerz bzw. Genuss melden, dann entsteht bei den meisten automatisch das Gefühl, dass dies ihnen geschieht: Ich höre schlecht. Ich kann meinen Arm nicht mehr bewegen. Ich liebe Schokolade. Ich friere etc. In diesen Essays können wir nicht durch einen vollständigen Prozess der Entidentifizierung gehen, der in der Praxis intensive Arbeit mit einem Lehrer erfordert. Dennoch ist es wertvoll, sich wenigstens bewusst zu machen, dass es sich bei unseren Empfindungen nicht unbedingt um die Wahrheit, sondern nur um eine Meldung feinstofflicher Funktionen handelt.

Wieder lohnt es sich, das Gefühl, dass diese Empfindungen Ausdruck meines Selbst sind, zu hinterfragen. Wenn ich davon ausgehe, dass mit dem Tod meine Sinnes- und Energie erzeugenden Funktionen nicht mehr aktiv sind, ich aber noch „irgendwie da“ bin, dann heißt das logisch, dass ich unabhängig von ihnen existiere, ob lebendig oder tot: Egal wie nah die Empfindungen mir sein mögen, sie können nicht „Ich“ sein.

Der Mind

Ähnlich verhält es sich übrigens mit den Mind-Funktionen, die zum feinstofflichen Körper gehören: die Erinnerungen, der funktionelle Verstand und die Emotionen, die Vorstellung eines separaten Ichs und der Intellekt, der uns Erkenntnisse und Einsichten ermöglicht. Die Identifikation mit diesen Funktionen ist noch hartnäckiger und wir können sie auch nicht so leicht durch Logik als „Nicht-Ich“ entlarven.

Der hier angelegte Maßstab, mit dem wir unsere Identifikationen hinterfragen, ist kein objektiver sondern ein subjektiver: Passen unsere eigenen Vorstellungen eigentlich zusammen? Hinsichtlich des Minds gibt es keine offensichtlichen Widersprüche, denn die meisten spirituellen Sucher stimmen darin überein, dass der Mind sich mit dem Tod nicht auflöst, d.h. es ist vollkommen vernünftig, davon auszugehen, dass er dasselbe wie das ist, was den Tod überlebt. Das ist sogar im Einklang mit dem Advaita Vedanta – zumindest, wenn es um den Mind des Nicht-Erleuchteten geht und dazu gehört ja wahrscheinlich die Mehrzahl der Leser dieser Essays. [2]

Da es hier um den Körper geht und da die meisten Menschen den Mind nicht als Teil des Körpers empfinden - auch im Advaita Vedanta werden er und die Identifikation mit ihm separat behandelt - deshalb werde ich hier nicht weiter auf diese Identifizierung eingehen.

Objekt der Wahrnehmung

Eine andere Sichtweise auf den Körper eröffnet sich durch die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt. [3] Auf der Suche nach uns selbst suchen wir kein Objekt; ich selbst bin immer das Subjekt, es ist also das Subjekt, das ich suche. Genau das macht diese Suche ja so einzigartig. Und so kompliziert. Wieso kompliziert? Weil wir normalerweise das, was wir zu sein meinen, nicht suchen müssen. Wenn ich meine, ich sei Akademikerin, dann brauche ich nur meine Zeugnisse hervorholen, um es zu belegen. Wenn ich meine, ich sei der Körper, dann brauche ich ihn nur zu berühren, um es mir zu bestätigen. Und wenn ich meine, ich sei ein fühlendes, denkendes Wesen, dann werden mir alle um mich herum, die sich ebenfalls als fühlende denkende Wesen betrachten, dies bestätigen.

All dies heißt nichts anderes, als dass wir in einer Welt leben, in der es normal ist, sich selbst als Objekt zu betrachten – als Objekt der eigenen Wahrnehmung und/oder der der anderen. Auf der Suche nach unserem wahren Selbst führt uns dies aber nicht weiter. Denn auf der Suche nach mir selbst, suche ich das Subjekt, den Wahrnehmenden. Wer oder was nimmt wahr?

Dass wir nicht die Welt um uns herum sind, ist eindeutig. Vom Standpunkt des Advaita Vedanta ist es ebenso eindeutig, dass ich nicht der Körper bin (genauso wenig wie Energien, Gedanken oder Gefühle). Es offenbart sich allein durch die Tatsache, dass ich all dies wahrnehmen kann. Nichts davon kann „Ich“ sein, weil es immer noch etwas gibt, das es wahrnimmt: das Subjekt, den Wahrnehmenden, mich.

Fazit: Ganz gleich, also, wie sehr ich das Gefühl habe, grob- oder feinstofflicher Körper zu sein – es kann nicht stimmen.

Fragen und Antworten

Wenn ich nicht mehr mit dem Körper und seinen Funktionen identifiziert bin, wer kümmert sich dann darum, dass ich genug esse oder warm genug gekleidet bin?

Zwischen Identifikation mit etwas und der Fürsorge für etwas besteht kein Zusammenhang. Wenn ich mit etwas identifiziert bin, kann es sogar sein, dass ich unter Umständen blind bin für das, was tatsächlich notwendig ist.

Ich will den Körper nicht gering achten, nur weil ich auf einem spirituellen Weg bin!

Ohne den Körper können wir unseren spirituellen Weg gar nicht gehen, deshalb dürfen wir ihn nicht gering achten, sondern sollten im Gegenteil gut für ihn sorgen. Er ist allerdings auch nicht mehr als das: unser Fahrzeug auf diesem Weg.

Mein Körper ist mir sehr wertvoll, ich hab das Gefühl, dass ich mich auf seine Botschaften immer verlassen kann. Ist das kein Widerspruch zu der Vorstellung, dass ich nicht der Körper bin?

Signale des (feinstofflichen) Körpers, auch die, die sich über den grobstofflichen Körper ausdrücken, können wertvolle Hinweise geben. Diese Hinweise betreffen dieselbe Ebene, auf der der Körper auftaucht: Die Welt der Objekte. Hier können sie helfen, besser zurechtzukommen. Sie spielen allerdings keine Rolle, wenn es darum geht, über die Welt der Objekte hinauszublicken.

Spiegelt der Körper nicht die spirituelle Reife eines Menschen?

Die Vorstellung, dass ein spirituell fortgeschrittener Mensch diesen oder jenen Körper haben müsste, ist falsch. Es gibt dicke und dünne, gesunde und kranke, schöne und hässliche Weise. Im Advaita Vedanta sprechen wir von den Gunas und davon, dass das Sattvaguna im Mind eines spirituell entwickelten Menschen vorherrscht; es macht ihn still und einsichtsvoll. Offensichtlich teilt sich dies jedoch nicht unbedingt seinem grobstofflichen Körper mit, denn sonst wiese der Körper des Weisen keinerlei Mängel auf, er wäre durch und durch harmonisch und im Fluss. Sogar der vollendete Weise (der Erleuchtete) ist kein rein sattvisches Wesen, auch in seinem Mind kann es noch rajasische oder tamasiche Züge geben, die wiederum seine körperliche Ausdrucksweise prägen (Rajas kann zum Beispiel für Lebhaftigkeit sorgen oder Tamas für Bequemlichkeit).

Kann ich mich über den Körper spirituell weiterentwickeln?

Ja, Yoga (in dem Sinne, wie es im Westen verstanden wird, also als das Praktizieren von Körper – und Atemübungen) zum Beispiel ist sehr nützlich. Doch vom Standpunkt des Advaita Vedanta ist Yoga eine Handlung und dient, ebenso wie andere Handlungen (Meditation, Rituale usw.), nur der Vorbereitung auf die eigentliche Erkenntnisarbeit. Weder Yoga, noch Meditation, noch sonst irgendeine Handlung sind Selbstzweck. Körper und Geist werden durch Yoga sowohl diszipliniert und gekräftigt als auch entspannt; Verspannungen und Verhärtungen lösen sich, die den Sucher auf seinem Weg unnötig viel Energie kosten oder seine Weiterentwicklung bremsen.

Die besonderen Erfahrungen, die sich etwa durch Yoga herbeiführen lassen, sind auf dem Vedanta Weg irrelevant. Im Yoga geht es grundsätzlich darum, sich durch Übungen vielfältigster Art in Zustände zu versetzen – Zustand = Erfahrung. Selbst die Erfahrung, eins mit allem zu sein und sich in höchster Ekstase zu verlieren, ist letztlich nur das: eine Erfahrung in der Dualität, ein Ereignis in der Zeit, das den Gesetzen der Zeit unterliegt. Es gibt das, was erfahren wird und den, der es erfährt. Und sie hält nicht an, sondern klingt irgendwann wieder ab.

Das Grundproblem wird durch Handlungen und durch sie herbeigeführte Erfahrungen nicht gelöst. Eine Erfahrung zu machen oder einen Zustand zu erleben – beides ist wunderbar. Aber die Erkenntnis, dass das, was erfahren wird, dasselbe ist wie der Erfahrende, wird nicht dadurch erlangt, dass man noch mehr oder noch erhebendere Erfahrungen hinzufügt. Man muss es erkennen. Dafür gibt es Vedanta.

 

 

Das nächste spirituelle Essay erscheint spätestens Mitte Januar. Schreiben Sie mir gerne eine Email, wenn Sie Fragen oder Anmerkungen haben. Ich werde sie in einem der nächsten Beiträge berücksichtigen. (Name oder Emailadresse werden nicht genannt.)
Sie können sich übrigens auch in den Verteiler aufnehmen lassen und erhalten dann jeweils eine Nachricht, wenn ein neues Essay auf dieser Seite erscheint.




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