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essays1/2012

Unterscheiden

 

Spirituelle Sucher sollten in der Lage sein, Wesentliches vom Unwesentlichen zu unterscheiden, um auf ihrem Weg Zeit und Energie nicht mit Unwesentlichem zu verschwenden. Daher ist Unterscheidungsfähigkeit grundlegend.

Was ist es genau, was uns hilft, Unterschiede zu machen? Dass ein Zebra etwas anderes ist als ein Fisch, teilen uns unsere Sinne mit. Dass das Gefühl von Freude etwas anderes ist als der Gedanke an das, was die Freude auslöst, ist bereits ein subtilerer Unterschied. Doch beide Unterscheidungen, ja jegliche Unterscheidungen, machen wir, wenn wir die dafür zuständige Funktion in unserem Mind einsetzen, die Buddhi.

Welche Eigenschaften ermöglichen der Buddhi, Unterschiede zu machen? Erstens ist sie in der Lage zu lernen und zweitens kann sie mit ihrem Wissen nach den Gesetzen der Logik zu operieren. Wer lernt, eignet sich Wissen an, mit dem er Unterschiede machen kann. Wer den Gesetzen der Logik folgt, erkennt auch Unterschiede, die auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind. Leider steht für die meisten Menschen, die sich auf einem spirituellen Weg befinden, vieles nebeneinander, was sich gemäß den Gesetzen der Logik nicht miteinander verträgt. Das liegt allein daran, dass in unserer Kultur Religion und Spiritualität als unvereinbar mit der Logik gelten – was heißt, dass die Buddhi im Allgemeinen aus diesen Bereichen ausgeklammert wird. Im Advaita Vedanta dagegen ist die Buddhi wichtigstes Instrument. Spirituelle Fragen müssen logisch beantwortet werden, ansonsten gelten sie als nicht beantwortet. Falls dabei Prämissen [1] eingesetzt werden, dann sollten sie zumindest als solche kenntlich sein, so dass der Sucher sich – im Sinne einer Arbeitshypothese - auf sie einlassen kann oder eben nicht.

Was das traditionelle Advaita Vedanta wesentlich auszeichnet, sind die vielen Instrumente, die der Sucher bekommt, um die eigene Unterscheidungsfähigkeit zu schulen. Er will erkennen, wer er wirklich ist - das bedeutet, letztlich geht es darum, den Unterschied zu erkennen zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen, d.h. zwischen dem Subjekt und den Objekten, d.h. zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst. Die Gesetze der Logik werden eingesetzt, um dem Sucher zu ermöglichen, alles was vergänglich ist und somit zur Welt der Objekte gehört, auszusortieren, denn all dies ist das Nicht-Selbst. Wenn alles zum Nicht-Selbst Gehörende ad acta gelegt wird, dann bleibt allein das Selbst übrig und kann als Solches erkannt werden. Um an diesen Punkt zu gelangen, ist ein längerer Erkenntnisprozess nötig, in dem mit Unterstützung eines Lehrers um die Erkenntnis der Wahrheit gerungen wird.

Eins der traditionellen Instrumente, die im Advaita des Westens fehlen, ist die Unterscheidung der Realitätsebenen. Diese ist eigentlich ganz einfach, wird jedoch im Allgemeinen nicht gemacht. Dadurch entstehen viele Missverständnisse und wichtige Fragen bleiben offen.

Was ist real?

Wenn uns im Traum ein weißer Elefant auf seinen Flügeln in ein tropisches Paradies trägt, dann sind wir schnell dabei, dies als nicht-real abzutun. Wer aber stellt fest, dass es nicht real ist? Der, der aufgewacht ist. Für den Träumenden ist es dagegen völlig real. Wir nennen diese Form der Realität Pratibhasa-Realität. Auch wenn wir etwas miteinander verwechseln, ist das Pratibhasa, denn in dem Moment, wo die Verwechslung stattfindet, sind wir von der Richtigkeit unseres Eindrucks überzeugt. Pratibhasa ist die Realität, die sich allein auf unsere Vorstellung gründet.

Die Realität, die die Mehrheit aller Menschen als real bezeichnet, heißt Vyavahara. Sie steht für unsere Erfahrungswelt, die praktisch zu handhabende phänomenale Welt, die der Mensch im Wachzustand erfährt.

Die dritte Realitätsebene heißt Paramartha, die die höchste Realität beschreibt, das, was letztgültig real ist und in das sich die beiden anderen Realitätsebenen auflösen lassen. (Auflösen ist hier nicht wörtlich zu verstehen, sondern in dem Sinne wie sich eine Gleichung in der Mathematik auflösen lässt.) Auf dieser höchsten Ebene ist allein das Eine Ewige real, welches alles Erfahrbare durchzieht und auf dem letztlich alles Erfahrbare gründet. Es handelt sich um die Warte, die nur derjenige wirklich einnehmen kann, der erkannt hat, wer er ist – nämlich das eine ewige Selbst. Paramartha kann gewusst werden, aber Paramartha ist nicht erfahrbar wie Vyavahara.

Wieso ist es wichtig, diese drei Ebenen voneinander zu unterscheiden?
Zu wissen, auf welcher Realitätsebene meine Gedankengänge oder Erfahrungen gerade stattfinden, schafft Klarheit. Einige Sucher bemühen sich angestrengt, alles immer nur von der höchsten Ebene her zu betrachten. Anstrengend ist dies deshalb, weil es gar nicht geht. Dabei tut es der Wahrheit überhaupt keinen Abbruch, dass es noch andere Realitätsebenen gibt.

Für den Träumenden sind andere Dinge real als für den Wachenden. Und für den Wachenden sind wieder andere Dinge real als für den Erwachten oder Erleuchteten. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied:

Die ersten beiden Realitäten, Pratibhasa und Vyavahara, schließen sich in jeder Hinsicht gegenseitig aus. Wenn ich erkenne, dass das glitzernde Etwas auf dem Boden kein Diamant, sondern nur eine Glasscherbe ist, dann habe ich die Täuschung überwunden und werde nicht ständig in die Vorstellung zurückfallen, es könne doch ein Diamant sein. Wenn ich als erwachsener Mensch aus meinem Traum erwache, werde ich nicht in die Versuchung kommen, das zusätzliche Zimmer zu suchen, das es im Traum in meinem Haus gab. Ebenso unwiderruflich verlagert sich der innere Standpunkt mit der Erleuchtung von der Vyavahara-Realität auf die Paramartha Realität.

Aber: Äußerlich besteht die Vyavahara-Realität weiter. Der Erleuchtete verschwindet ja mit der Erleuchtung nicht von der Erdoberfläche. Er hat einen Körper und einen Mind, er denkt, spricht und handelt weiterhin in der Vyavahara-Realität; er schläft, kauft ein, lacht, weint, liest, bekommt einen Schnupfen, reist von A nach B usw. Äußerlich betrachtet gibt es keinen Unterschied zu demjenigen, der die Vyavahara Realität für die letztgültige Realität hält und von der Paramartha Realität nichts weiß. Doch in seinem Innern berühren sich die beiden Realitätsebenen nicht, er nimmt Vyavahara wahr, aber seine Realität ist unwiderruflich Paramartha.

Deshalb darf auch der Sucher neben seinem Bemühen um die Erkenntnis der höchsten Ebene gerne den Angelegenheiten der Vyavahara Ebene nachgehen. Er darf sagen „Ich habe Kopfweh“, wenn er Kopfweh hat und muss nicht sagen „Dieser Kopf schmerzt“ (außer, wenn er sich zu Übungszwecken durch solche Formulierungen mit einer neuen Sichtweise vertraut machen möchte). Er darf sagen, „ich möchte endlich am Ziel des spirituellen Weges anlangen“ und muss sich dafür nicht entschuldigen, indem er schnell hinterher schiebt „natürlich weiß ich, dass der Weg das Ziel ist.“

Die meisten Sucher haben jedoch ein anderes Problem: Sie verwechseln Vyavahara und Paramartha. Dabei ist es gar nicht schwierig, beides zu unterscheiden. Alles, was Dualität oder Pluralität voraussetzt, gehört zu Vyavaharika, es sei denn, es ist der Fantasiewelt zuzuordnen (Pratibhasa). Nur das Nicht-Duale ist Paramartha.

Das bedeutet auch, dass jeder spirituelle Weg auf der Vyavahara-Ebene stattfindet. Auf dieser Ebene gilt das Gesetz von Ursache und Wirkung. Alles was wir tun, um die Wahrheit zu erlangen, auch das Ringen um die Erkenntnis, das im Advaita Vedanta erfolgt, spielt sich in Vyavahara ab – ebenso wie Morgens aufzustehen, einen Baum zu pflanzen oder eine Doktorarbeit zu schreiben. Spirituelles und Weltliches ist also gleichermaßen Vyavahara zuzuordnen.

Wichtig ist, dass Vyavahara real ist, wenn auch nicht letztgültig real. Diese Realität ist unzweifelhaft da, wenn auch nur aus einer gewissen Perspektive – ebenso wie die Welt der Fantasie aus einer bestimmten Perspektive real ist. Diese beiden Realitäten sind außerdem zeitlich begrenzt, während die letztgültige Realität ewig ist.

Die Schriften des Vedanta beleuchten unsere Vyavahara-Realität von der Paramartha-Perspektive aus. Das tun sie deshalb, damit dem Sucher nach und nach die Relativität seiner (Vyavahara)-Realität aufgeht. Paramartha an sich kann man mit Worten nicht fassen, denn Sprache ist ein duales Phänomen, das der nicht-dualen Realität nicht gerecht wird. Man kann auf Paramartha hinweisen, wirklich verstanden wird es aber erst, wenn diese Perspektive tatsächlich eingenommen ist. Im selben Moment, wo sich die Perspektive hin zu Paramartha verschiebt, ist Paramartha zur eigenen Realität geworden.

Drei Verse aus der Ashtavakra Gita, die von dieser Warte aus sprechen:

Der Körper, die Idee von Himmel und Hölle, Gebundenheit und Freiheit und auch alle Ängste – all dies sind bloße Einbildungen. Was hab ich mit all dem zu tun – ich, dessen Natur reines Bewusstsein ist? 2, 20

Wundervoll! In mir, dem grenzenlosen Ozean, erheben sich die Wellen einzelner Wesen so wie es ihnen gemäß ist, balgen sich miteinander, spielen ein Weilchen und verschwinden dann. 2,25

Wundervoll! Ich bin tatsächlich reines Bewusstsein. Die Welt ist wie eine Zaubervorführung. Wie und wo sollte da die Vorstellung von Ablehnung oder Akzeptanz herkommen? 7,5

 

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1: Was man voraussetzt


Das nächste spirituelle Essay erscheint spätestens Mitte Februar. Schreiben Sie mir gerne eine Email, wenn Sie Fragen oder Anmerkungen haben. Ich werde sie in einem der nächsten Beiträge berücksichtigen. (Name oder Emailadresse werden nicht genannt.)
Sie können sich übrigens auch in den Verteiler aufnehmen lassen und erhalten dann jeweils eine Nachricht, wenn ein neues Essay auf dieser Seite erscheint.




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