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essays4/2012

Was ist das Richtige?

 

Diese Frage stellt sich jeder – hin und wieder, oft oder dauernd – und zwar immer, wenn man das Gefühl hat, eine Entscheidung fällen zu müssen – was im Leben ziemlich häufig vorkommt.

Die Alltagsentscheidungen:
Jetzt oder später essen
Die Linie 17 oder die Linie 19 nehmen
Dem Bettler etwas geben oder nicht
Das rote T-Shirt oder das weiße anziehen
Anrufen oder nicht

Die größeren Entscheidungen:
Altersarmut verhindern
Die Kündigung einreichen
Sich scheiden lassen
Vom Auto auf die Bahn umsteigen
Die eigenen Bilder ausstellen
Den bisherigen Freundeskreis aufgeben
Ein Haus kaufen

Wer mag, kann hier seine eigene Liste der Themen aufstellen, die in ihm die Frage "Was ist das Richtige?" aufkommen lassen.

"Was ist das Richtige?" heißt eigentlich: "Welche Schritte führen mich an mein Ziel?" Hinter der Frage verbirgt sich stets der Wunsch, ein Ziel zu erreichen.

Ist dieses Ziel immer dasselbe? Nein, die persönlichen Ziele der Menschen sind verschieden. Ich will Zeit sparen, welche Bahn ist dafür die richtige? Ich will hübsch aussehen, welches T-Shirt steht mir besser? Ich will im Alter nicht arm sein, ich will Freunde haben, mit denen ich wirklich etwas anfangen kann, eine Arbeit, die mich erfüllt, lieber allein als in dieser toten Ehe usw. All dies sind unterschiedliche Ziele. Jedes Ziel verlangt also eine unterschiedliche Antwort.

Im Advaita Vedanta unterscheidet man auf der praktischen Ebene vier Kategorien menschlicher Ziele. Die ersten drei kennt jeder: Es geht entweder um Sicherheit oder um Wohlbefinden oder darum, ein guter Mensch zu sein. Hinter fast allen oben aufgelisteten Entscheidungen steht das Ziel Wohlbefinden, bei einigen geht es um Sicherheit und bei zweien vielleicht darum ein guter Mensch zu sein (dem Bettler etwas geben bzw. vom Auto auf die Bahn umsteigen). Wer die eigene Liste untersucht, wird in etwa die gleiche Verteilung finden.

Und das vierte Ziel? Das vierte Ziel ist die innere Freiheit von diesen ersten drei Zielen. Dieses Ziel haben die wenigsten Menschen, denn wer kommt schon auf die Idee, dass es sich lohnen könnte, frei von diesen drei Zielen zu sein? Was soll mir das denn bringen?!

Nun ja, es würde einem schon eine Menge Sorgen ersparen, wenn man sich weder um das Ziel Sicherheit, noch um das Ziel Wohlbefinden, noch um das Ziel, ein ethisch einwandfreies Leben zu führen, Gedanken machen müsste. Dies leuchtet den meisten ein, aber sofort kommt der Einwand: Das kann ja nicht funktionieren! Wer kümmert sich denn dann um meine Sicherheit, um mein Wohlbefinden und darum, dass ich verantwortungsbewusst und aufrecht handle?

Wie gesagt geht es um die innere Freiheit von den ersten drei Zielen, das heißt, um Ent-Identifikation [1]. Man muss nicht mit etwas identifiziert sein, damit es funktioniert. Wer für seinen Lebensunterhalt sorgt, kann dies mit oder ohne Identifikation tun. Im ersteren Fall ist er allerdings angespannter, angstvoller und nervöser. Wer für sein Wohlbefinden sorgt, kann dies ebenfalls mit oder ohne Identifikation tun – mit derselben Folge. Und auch wer ein guter Mensch sein und aus diesem Grunde das Richtige tun will, kann damit identifiziert sein oder nicht. Und auch ihm wird es besser gehen, wenn er nicht mit seinem Ziel identifiziert ist.

Warum? Weil die ersten drei Ziele eins gemeinsam haben: Sie können immer nur zeitlich begrenzt erreicht werden. Das soll heißen, dass weder Sicherheit, noch Wohlbefinden, noch ethische Makellosigkeit stabile Zustände sind. Vielmehr sind sie ständigen Veränderungen unterworfen. Und das löst natürlich Unruhe aus, Besorgnis, Angst, Ärger, Unsicherheit. Identifikation mit einem Ziel bedeutet die Abhängigkeit von seiner Erreichung. Mehr noch: die Abhängigkeit von seiner Aufrechterhaltung. Da letzteres bezüglich dieser drei unbeständigen Ziele unmöglich ist, ist Stress die logische Folge.

Wer davon ausgeht, dass die Freiheit von den ersten drei Zielen lohnenswert ist, fragt sich natürlich, wie man diese Freiheit erreichen kann.

Zunächst gilt es innezuhalten und sich das Ausmaß der eigenen Identifikation mit ihnen zu vergegenwärtigen. Den Frust, der mit dem fortwährenden vergeblichen Bemühen einhergeht, dauerhaft sicher, dauerhaft glücklich und dauerhaft gut zu sein. Zu erkennen, wie vollkommen undenkbar es einem erscheint, nicht mehr diesen Zielen nachzujagen zu müssen. Und das wichtigste: die Sehnsucht spüren, frei von dieser Identifikation zu sein – auch wenn man noch nicht weiß, wie es gehen soll.

Dies ist spirituelle Sehnsucht, dies ist die Sehnsucht nach der Wahrheit. [2] Nur wer sie spürt, hat überhaupt eine Chance auf Freiheit von diesen ersten drei Zielen. Deshalb ist es so wichtig, dieser Sehnsucht Raum zu geben, sie nicht zu übergehen, nur weil Sehnsucht irgendwie schmerzt. Sie muss schmerzen, sonst erfüllt sie ihre Aufgabe nicht. Warum schmerzt sie? Weil sie auf einen Mangel hinweist, weil immer noch etwas fehlt – egal wie viel Sicherheit, Wohlbefinden und ethische Rechtschaffenheit man bereits zustande gebracht hat. Egal, wie oft man es geschafft hat, das Richtige zu tun.

Das vierte Ziel heißt Moksha. Moksha ist ein anderes Wort für Erleuchtung. Das vierte Ziel ist Erleuchtung.

Erleuchtung ist das, was fehlt, und nicht: mehr Sicherheit, mehr Wohlbefinden, mehr Rechtschaffenheit. Wenn ich mein Heil in der Erreichung dieser drei Ziele suche, ist Enttäuschung vorprogrammiert – einfach weil sie nicht dazu da sind, mir Erlösung zu bringen. Erlösung erlange ich dadurch, dass ich aufhöre, sie dort zu suchen, wo sie nicht zu finden ist – in den ersten drei Zielen – und anfange, sie dort zu suchen, wo sie ist – im vierten Ziel.

Warum bedeutet das vierte Ziel Erlösung? Weil ich nur wenn ich Moksha erlangt habe, aufhöre mich mit etwas zu identifizieren, was ich nicht bin und das erkenne, was ich bin: absolute Sicherheit, absolutes Wohlsein, absolute Wahrhaftigkeit – nichts fehlt und müsste durch die Erreichung von etwas anderem vervollständigt werden.

Gegenüber den ersten drei Zielen hat Moksha zwei entscheidende Vorteile. Zum einen ist Moksha vollkommen beständig – wenn man es einmal erreicht hat, geht es einem nicht wieder verloren. Zum zweiten – und davon war hier schon oft die Rede – muss man Moksha weder herstellen, noch irgendwo anders aufspüren. Advaita Vedanta sagt, dass wer dieses Ziel vor Augen hat, auf der Suche nach sich selbst ist. Das heißt, um dieses Ziel zu erreichen muss er weder für mehr Sicherheit, noch für mehr wohltuende Erfahrungen in seinem Leben sorgen. Ja, nicht einmal sein ethisches Wohlverhalten ist ausschlaggebend. Er muss lediglich das entdecken, was er ohnehin schon ist.

Natürlich hilft es, wenn man sein Auskommen hat, ein einigermaßen bequemes Leben führen kann und nicht ständig mit dem eigenen Gewissen im Streit liegt, aber gegenüber dem Ziel Moksha verlieren alle anderen Ziele nach und nach an Gewicht. Das heißt, die Identifikation mit ihnen nimmt immer mehr ab.

Letztlich geht es also nicht darum, das Richtige zu tun, sondern darum, die richtige Frage zu stellen – Wer bin ich wirklich? – und sich darum zu kümmern, dass man sie beantworten kann. Alle Essays auf dieser Seite haben nur ein Ziel: diese Frage zu befördern und Anregungen zu geben, wie man sich ihrer Beantwortung annähern kann. Mit der Antwort löst sich die letzte Identifikation mit etwas, was ich nicht bin, und damit jede Möglichkeit der Identifikation mit dem, der entscheidet, handelt und Ergebnisse anvisiert. Das ist Moksha, Freiheit.

 

 

Das nächste spirituelle Essay erscheint spätestens Mitte Mai.
Schreiben Sie mir gerne eine Email, wenn Sie Fragen oder Anmerkungen haben. Ich werde sie in einem der nächsten Beiträge berücksichtigen. (Name oder Emailadresse werden nicht genannt.)
Sie können sich übrigens auch in den Verteiler aufnehmen lassen und erhalten dann jeweils eine Nachricht, wenn ein neues Essay auf dieser Seite erscheint.




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