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essays13/2012

Eine Advaita-Weihnachtsgeschichte aus dem Hassidismus

 

Mein lieber Aaron Herschel,

Du willst von mir etwas über Gott wissen: Ich soll dir den Namenlosen definieren, das letztgültige Geheimnis auf den Handteller legen. Stell dir nicht vor, dass dir das irgendwo weit weg von dir verborgen sei. Das höchste Geheimnis ist zugleich das offenbarste überhaupt. Es lautet: Gott ist Alles.

Ich bin versucht, diesen Brief gleich hier zu schließen, meinen Namen drunter zu setzen und dich dieser simplen Wahrheit zu überlassen. Doch ich fürchte, du würdest sie nicht verstehen. Lass dir also von vornherein gesagt sein, dass alles Weitere lediglich immer wieder die einfache Tatsache beleuchtet, dass Gott alles ist.

Was hat es zu bedeuten, alles zu sein? Gott ist die Wirklichkeit. Gott ist der Ursprung und der Urstoff von allem und nichts. Es gibt kein Ding, kein Gefühl, keinen Gedanken, der nicht Gott ist, einschließlich des Gedankens, dass es keinen Gott gebe! Denn genau das heißt, alles zu sein: Gott muss sogar seine eigene Leugnung einbeschließen.

Hör bitte noch einmal ganz genau hin: Gott ist der Ursprung und der Urstoff von allem. Es gibt nichts außerhalb von Gott. Darum lesen wir: „Ich bin dein Herr und Gott, und es gibt keinen anderen.” Statt „keinen anderen“ lies bitte „nichts anderes“, nicht, dass es außer Gott keinen anderen Gott gibt, sondern dass es nichts anderes als Gott gibt.

Lass mich dir ein Beispiel geben. Heute Nacht hat es stark geregnet, und die Straße ist von einer dicken Schlammschicht bedeckt. Heute Morgen blieb ich auf meinem Weg zum Bet Midrash (Haus des Lernens) stehen, um eine Gruppe von Kindern zu beobachten, die im Schlamm spielten. Selbstvergessen saßen sie auf dem feuchten Boden und kneteten zahllose Gestalten aus Schlamm: Häuser, Tiere, Türme. Ihr Gespräch verriet, dass jede einzelne für sie ein bestimmtes Wesen darstellte. Sie gaben ihnen Namen und erzählten ihre Geschichte. Vorübergehend nahmen die Schlammfiguren ein Eigenleben an. Dabei waren sie alle nur aus Schlamm. Schlamm war ihr Ursprung und der Stoff, aus dem sie bestanden. Für die Kinder gewannen ihre Schlammkreationen ein Eigenleben. Für den Schlamm war so ein unabhängiges Eigenleben eindeutig Illusion –  die Geschöpfe waren alle nur aus Schlamm.

Genauso verhält es sich mit uns und Gott: „Adonai allein ist Gott im Himmel droben und unten auf Erden – es gibt sonst niemanden.“ (5. Buch Mose, Deuteronomium 4:39) „Es gibt sonst niemanden“ heißt: Es gibt weder im Himmel noch auf Erden etwas anderes als Gott.

Kann dies sein? Wenn ich mir die Welt so betrachte, sehe ich keinen Gott: Ich sehe die verschiedensten Bäume, alle möglichen Menschen, Häuser, Felder, Seen, Kühe, Pferde, Hühner usw. usf. Da bin ich genau wie die spielenden Kinder, die wirkliche Wesen sehen statt bloßem Schlamm.

Wo in alledem steckt Gott? Schon die Frage ist irreführend. Gott ist nirgendwo „drin“. Gott ist es.

Denk über alles, was ich gesagt habe, gut nach: Es ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen des Lebens.

B’Shalom

 

aus: Offene Geheimnisse: Die Briefe von Reb Yerachmiel ben Yisrael von Rami M. Shapiro

 

 

 

 

 

 

 




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