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essays1/2013

Selbsterforschung – das separate Ich hinterfragen

 

Dies ist eine Einladung, das eigene Selbstbild zu hinterfragen, eine Einladung zu einer Kontemplation der eigenen Identität. Dabei geht es nicht um das Aushebeln von Identifizierungen mit bestimmten Gefühlen, Gedanken oder Situationen, die sich bei jedem von uns ein wenig unterscheiden. Vielmehr geht es um die grundlegende Identifikation mit dem, was wir als unser Ich bezeichnen – eine Identifikation, die für nahezu alle Menschen dieselbe ist. Die meisten Menschen sagen „ich“ und meinen damit eine Mischung von Körper und Geist/Gefühl.

 Da sich die meisten Menschen mit ihrem Körper-Geist-System identifizieren und da sie gemäß dem Advaita etwas Anderes sind als dies, benötigt man ein Verfahren, um das Missverständnis außer Kraft zu setzen. Dazu wird zunächst genau analysiert, was dieses Körper-Geist-System ist. Advaita Vedanta unterscheidet drei Körper, den grobstofflichen, den feinstofflichen und den kausalen. Aufbauend auf dieser Analyse wird die Identifizierung systematisch in Frage gestellt und damit Schicht für Schicht abgebaut.

 In diesem Essay geht es darum, die Vorstellung von Individualität – das heißt die Idee eines von allem anderen getrennten Ichs – zu hinterfragen, und zwar sowohl auf grobstofflicher, wie auf feinstofflicher, wie auf kausaler Ebene. Insbesondere all diejenigen, die bereits ahnen, dass sie mehr sind als ein einzelnes, von anderen getrenntes Wesen, wird diese Kontemplation in ihrer Erkenntnisarbeit unterstützen. Man kann sie zur Grundlage einer Meditation machen, aber ihre eigentliche Wirkung entfaltet sie dann, wenn sie einen in unterschiedlichen Lebenssituationen begleitet und letztlich das gesamte eigene Leben durchzieht.

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Schon die bloße Unterscheidung zwischen dem grobstofflichen (hier materiellen), und dem feinstofflichen Körper lässt die Identifikation mit dem grobstofflichen Körper in einem anderen Licht erscheinen. Denn ohne den feinstofflichen Körper – das bedeutet ohne Sinneswahrnehmungen, Energie, Physiologie und Mind (also ohne Verstand, Gefühl, Intellekt, Gedächtnis und Ich-Idee) – bleibt offensichtlich nichts als reglose Materie übrig. Die Vorstellung, dass wir der grobstofflichen Körper sind, ist wesentlich leichter loszulassen, wenn er erst einmal all der Lebendigkeit beraubt ist, die ihm nur der feinstoffliche Körper verleiht.

 

Das Materielle

Die Rede ist hier von der Materie im engeren Sinne, also dem Physischen oder Grobstofflichen.

 Ohne den feinstofflichen Körper ist der physische Körper reine Materie – ein komplexes Gefüge aus Fleisch, Fett, Knochen, Flüssigkeiten usw. in einem Sack aus Haut mit Anhängseln aus härteren Substanzen (Haaren, Zähnen, Nägeln). Dieser Körper gehört zu einem materiellen Universum, das aus weiteren materiellen Körpern besteht, die mehr oder weniger ähnlich zusammengesetzt sind. Säugetierkörper bestehen aus menschenkörper-ähnlichen Komponenten, die Körper anderer Tiere aus weniger ähnlichen, aber auch nicht vollkommen verschiedenen Komponenten. Pflanzen, Steine, Metalle, künstlich Hergestelltes und andere materielle Gebilde (Wolken, Vulkane, Wüsten oder Zyklone, Planeten oder Sterne) bestehen aus wieder anderen, aber ebenfalls nicht komplett verschiedenen Elementen. Manchmal scheinen ein oder zwei von ihnen zu fehlen, wie Wasser in einem Sandkorn, kristallines Material in einer Qualle oder Feuer im Eis. Doch, selbst wenn die spezifischen Zusammensetzungen sich unterscheiden mögen, stoßen wir im Wesentlichen immer wieder auf dieselben Bestandteile.

Auch wenn also der menschliche Körper eine von anderen Kompositionen im materiellen Universum verschiedene Komposition ist, bestehen alle Kompositionen doch aus prinzipiell ähnlichen Bausteinen. Könnte unser materieller Körper sprechen, würde er sagen: Ich bin ein Teil des materiellen Universums, aber anders zusammengesetzt als andere Teile desselben Universums.

 Wenn wir das materielle Universum als Gesamtheit materieller Komponenten definieren, gilt umgekehrt, dass diese Gesamtheit alle materiellen Erscheinungsformen umfasst. Das bedeutet, dass aus der Perspektive des materiellen Universums ein Körper nichts als materielle Komponenten wäre; aus dieser Perspektive gäbe es keinen wesentlichen Unterschied zwischen einem individuellen Körper und der universellen materiellen Totalität. Das materielle Universum würde beides als dasselbe betrachten, nämlich als sich selbst.

  

Das Feinstoffliche

Beim feinstofflichen Körper handelt es sich um Funktionen – Sinnesempfindungen,  Energieerzeugung und -umsetzung, Denken/Fühlen. Auch dieser Körper ist eingebettet in ein feinstoffliches Universum, das aus der Gesamtheit dieser Funktionen besteht. Deutlich sichtbar sind sie für uns nur in lebenden Organismen, doch auch in so genannten leblosen Körpern (zum Beispiel Steinen) gibt es rudimentäre feinstoffliche Funktionen.

Der feinstoffliche Körper lässt sich wesentlich weniger klar begrenzen, weniger eindeutig fassen, als materielle Körper. Da gibt es so viele verschiedene Aspekte und, weil der feinstoffliche Körper nicht sichtbar ist, ist auch nicht immer klar, ob ein Aspekt zum eigenen feinstofflichen Körper gehört oder schon zu einem anderen. Stellen Sie sich vor, alleine Fußball zu spielen, und vergleichen Sie das mit dem Erlebnis, als Teil einer Mannschaft zu spielen. Ist der Energiepegel nicht automatisch höher, wenn Sie von Mitspielern umgeben sind? Ist das, was sie erfahren, Ihr eigener feinstofflicher Körper oder haben Sie sich dem feinstofflichen Körper der Gruppe (und damit bereits des feinstofflichen Universums) angeschlossen?

Oder erinnern Sie sich daran, wie es ist, in Ihrem Zimmer allein zu meditieren. Ist es nicht so, dass Sie wiederholt die Erfahrung machen, „Ihre“ Meditation ginge so viel tiefer wenn sie gemeinsam in einer Gruppe meditieren? Ist es Ihr eigener feinstofflicher Körper, den Sie da spüren oder haben Sie sich an den feinstofflichen Körper der Gruppe angeschlossen?

Und doch betrachten Sie sich als eine individuelle Mischung von Funktionen, anders als alle anderen feinstofflichen Mischungen in diesem Universum. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber wieder ist dies nur die Perspektive, die diese einzelne Erscheinungsform bezüglich anderer einzelner Erscheinungsformen einnimmt. Wenn Ihr feinstofflicher Körper eine Erklärung abgeben könnte, würde er sagen: Ich bin ein Teil des feinstofflichen Universums, aber unterscheide mich von anderen feinstofflichen Körpern dieses Universums.

Aber aus der Perspektive der Gesamtheit feinstofflicher Komponenten wäre ein individueller feinstofflicher Körper nichts als diese Komponenten; das feinstoffliche Universum würde ihn als „ich“ bezeichnen. Die eigene Gedankenwelt beispielsweise, die einem selbst so bedeutsam und individuell erscheint, wäre ununterscheidbar von der universellen Gedankenwelt.

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Das Universum würde bestimmte Planeten oder Lebewesen oder Sterne als sich selbst betrachten, oder nicht? Der Körper würde den Rumpf oder ein Glied als sich selbst betrachten. Ein Haus würde die Eingangstür, die Wände oder bestimmte Zimmer als sich selbst betrachten.

Entsprechend können wir die Erscheinungswelt immer entweder aus der individuellen Perspektive oder aus der universellen Perspektive schauen, und so erkennen, dass wir wesentlich weniger getrennt sind, als wir normalerweise denken. Um über das Individuelle hinauszugehen, verlangen die materielle und die feinstoffliche Ebene einen Perspektivwechsel. Die nachfolgende kausale Ebene verlangt diesen Perspektivwechsel nicht, sie transzendiert das Individuelle unmittelbar.

 

Das Kausale

So wie wir ein grobstoffliches und ein feinstoffliches Universum haben, haben wir auch ein kausales Universum, das aus kausaler Materie besteht. Was das sein soll? Das Wort „kausal“ kommt von causa, lateinisch: Ursache. Das bedeutet, das Kausale ist die Ursache für die anderen zwei Universen. Das Kausale ist jedoch keine dritte Form der Stofflichkeit, sondern einfach die noch nicht manifeste Version jeglicher Stofflichkeit. Gemäß dem Vedanta (wie auch der Wissenschaft und Logik) kann nichts unvermittelt aus dem Nirgendwo entstehen. Alles ist entweder manifest oder  nicht manifest, aber auf jeden Fall ist es. (Aus diesem Grund gibt es im Vedanta auch keine Schöpfung, sondern immer nur Manifestation dessen, was unmanifest ist). Und woraus besteht diese unmanifeste Materie? Sie besteht aus den natürlichen Gesetzmäßigkeiten und aus der natürliche Ordnung. Diese Gesetzmäßigkeiten machen es möglich, dass ein Universum sich manifestiert.

Das Kausale ist per se universell. Beim feinstofflichen Körper haben wir bereits gesehen, dass man nicht immer genau bestimmen kann, wo er endet und wo der kollektive feinstoffliche Körper (also das feinstoffliche Universum) beginnt. Bezüglich des kausalen Körpers ist diese Abgrenzung nicht nur schwierig, sie ist unmöglich. Trotzdem gibt es einen Begriff, der sich auf das individuelle Kausale bezieht. Deshalb spricht man im Advaita Vedanta manchmal vom kausalen Körper, aber tatsächlich gibt es keinen individuellen kausalen Körper.

Wenn Sie sich Ihre individuelle Wirklichkeit aus der kausalen Perspektive anschauen, wird offensichtlich, dass es eine individuelle Wirklichkeit nicht geben kann. Warum nicht? Die universelle natürliche Ordnung, bestehend aus unübersehbar vielen natürlichen Gesetzmäßigkeiten, durchzieht alles, so wie der Raum alles durchzieht. Nichts kann davon ausgeschlossen werden, nichts steht außerhalb der natürlichen Ordnung, alles unterliegt den universellen Gesetzmäßigkeiten in gleicher Weise. Das Gesetz der Schwerkraft ist immer dasselbe, egal ob es auf Sie, auf eine Kanonenkugel oder auf eine Feder einwirkt. Die Ergebnisse mögen sich unterscheiden, das Gesetz ist dasselbe.

Aber alles unterliegt nicht nur den natürlichen Gesetzmäßigkeiten, es besteht gewissermaßen aus ihnen. Ohne diese Gesetzmäßigkeiten gäbe es nichts. Untersuchen Sie Ihr Körper-Geist-System; gäbe es irgendetwas von dem, was Sie „ich“ nennen ohne die natürlichen Gesetzmäßigkeiten? Was bliebe von Ihnen ohne biologische, chemische, physiologische, physische, psychologische, soziologische, kulturelle usw. Gesetzmäßigkeiten? Nichts steht außerhalb der natürlichen Ordnung dessen, was ist.

Wenn man das Ganze zu Ende denkt: Wo ist eigentlich das Individuelle? Gibt es das überhaupt? Und wenn es nichts Individuelles gibt, was bedeutet das für das Universelle? Ohne diese natürliche Ordnung gäbe es schließlich auch kein manifestes Universum.

Das Kausale ist die  nicht manifeste Ursache von allem: ohne Ursache keine Wirkung. Am Ende dieser Analyse kann also alles Wahrgenommene auf eins allein reduziert werden: das Kausale, das heißt die natürlichen Gesetzmäßigkeiten, die natürliche Ordnung.

  

Brahman

Im Advaita Vedanta gibt es einen anderen Begriff für diese natürliche Ordnung, sie heißt Ishvara oder Saguna Brahman. Von Ishvara war im Essay vom August 2012 bereits die Rede, aber was ist Saguna Brahman?

Als Brahman bezeichnet man das allem zugrunde liegende und alles durchwirkende eine und einzige Prinzip überhaupt. Brahman ist kein Gott, sondern es ist die Realität an sich. Brahman ist Advaita (Nicht-Dualität), denn es gibt kein zweites Prinzip außer Brahman. Brahman ist Sein-Bewusstsein-Grenzenlosigkeit.

Wenn man sich auf Brahman inklusive des ihm innewohnenden Potentials zur Manifestation bezieht, sagt man Saguna Brahman oder Ishvara.

Ansonsten wird Brahman Nirguna Brahman genannt.

Erleuchtung bedeutet zu wissen, dass ich Brahman bin, nicht-dual, Sein-Bewusstsein-Grenzenlosigkeit. Wie erlange ich dieses Wissen? Zunächst einmal, indem ich alle irrtümlichen Vorstellungen über das, was ich bin, als Irrtümer durchschaue und hinter mir lasse. Doch das allein reicht nicht, es wäre ein Weg des reinen Negierens an dessen Ende die Leere stünde. Doch Vedanta versichert, dass am Ende die Fülle steht. Das heißt, mit dem Prozess des Negierens einher geht auch immer schon ein Erkennen dessen, was nicht negiert werden kann und was sich dem Sucher am Ende des Weges in seiner ganzen Fülle offenbart.

Nirguna Brahman kann als Selbst erkannt werden, aber der Sucher braucht Hilfe von außen, denn der Mind kann es nicht logisch erschließen. Saguna Brahman jedoch kann logisch erschlossen werden, so wie ich oben getan habe. Auf diese Weise zu verstehen, dass ich Ishvara/Saguna Brahman bin, ist möglich.

 

Der Anfang vom Ende der Suche

Warum also nicht einfach anfangen und beginnen, sich selbst als das Ganze zu sehen statt sich ständig auf einen unwirklichen Standort innerhalb der universellen Ordnung zu beschränken? Es gibt keinen solchen Standort, er ist eine Fiktion. Unaufhörlich zu versuchen diese falsche Vorstellung aufrechtzuerhalten, macht das Leben unglaublich anstrengend. Gar nicht zu sprechen von allem, was damit verbunden ist – zum Beispiel die Notwendigkeit, den eigenen unwirklichen Standort gegen alle anderen vorgestellten unwirklichen Standorte zu verteidigen. Oder mit der Vorstellung leben zu müssen, irgendetwas müsse anders sein, als es ist (und die Vorstellung, man selbst müsse sicherstellen, dass es sich ändert). Diese letzte Vorstellung wird sich in dem Wissen auflösen, dass absolut alles innerhalb der natürlichen Ordnung ist.

Wenn Sie der Logik der Überlegungen in diesem Essay folgen können, weisen Sie sie nicht als „bloß intellektuell“ zurück. Nehmen Sie sie ernst, es ist die Wahrheit. Nur weil alle anderen und sie selbst in der Vergangenheit von bestimmten Vorrausetzungen ausgegangen sind, sind sie nicht unbedingt wahr. Durchleuchten Sie Ihre Denkgewohnheiten, hinterfragen Sie Ihre Gefühlsgewohnheiten.

So können Sie die Identifikation mit dem Körper-Geist-Ich nach und nach loslassen und sich als das jeweils größere Prinzip sehen – erst auf körperlicher, dann auf feinstofflicher und dann auf kausaler Ebene. Diese Erkenntnis ist noch nicht das Ende der spirituellen Suche, aber wenn Sie sie zurückweisen, kann sie nicht zum Anfang ihres Endes werden. Wenn Sie Ihre Erkenntnis jedoch ernst nehmen, werden Sie diese zwar noch vertiefen müssen, aber Sie werden dies auf eine viel wirksamere Weise tun und es wird Ihnen wesentlich leichter fallen.




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