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essays5/2013

Mut

 

In den folgenden Essays habe ich vor, bestimmte Eigenschaften zu beleuchten, die dem Sucher auf seinem Weg helfen. Sie unterstützen auch diejenigen, die bereits wissen, wer sie in Wahrheit sind, dabei, störende Automatismen im Denken und Fühlen aufzulösen.

  

Mut

Manche Menschen sind von Natur aus mutig, allerdings sind es die wenigsten in allen Bereichen ihres Lebens. Wer kein Problem mit Bunjee-Jumping oder Nordpol-Expeditionen hat, den mag dennoch der Mut verlassen, wenn er aufgefordert ist, sein Leben grundlegend zu verändern, sich auf eine Liebesbeziehung einzulassen oder die eigene Biographie zu veröffentlichen. Und selbst wer hier mutig ist, dessen Mut reicht nicht unbedingt aus, sich mit allen Konsequenzen auf die Suche nach der Wahrheit zu begeben.

 

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben,

sondern es ist die Entscheidung,

dass etwas anderes wichtiger ist als die Angst.

(Ambrose Red Moon)

  

Entscheidungen

Mut basiert auf Entscheidungsfähigkeit. Nun gibt es Menschen, die entscheiden ständig irgendetwas, aber entscheiden sich genauso häufig wieder um. Diese Art von Entscheidungen ist hier nicht gemeint. Hilfreich auf dem spirituellen Weg ist Entschlusskraft gepaart mit (flexibler) Konsequenz – das ist die Entscheidungsfähigkeit, die dem Sucher hilft.

Sie ist eine Funktion der Buddhi, des höheren Minds, der analysieren und unterscheiden kann. Über den außerordentlichen Wert der Buddhi auf dem Weg der Erkenntnis habe ich bereits des Öfteren geschrieben.

Die Buddhi ermöglicht dem Sucher, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Im Alltag ist das nützlich, weil es Zeit spart und Energie freisetzt für Wesentliches. Aber für den Wahrheitssucher geht es um mehr: Er sucht das wahrhaft Wesentliche, das heißt, er will wissen, was das Wesen aller Dinge ist. Er hat gehört, dass das Wesen aller Dinge dasselbe ist wie das, was er selbst seinem Wesen nach ist, dass er also nicht getrennt ist von allem – obwohl es ihm so erscheint. Und es erscheint ihm so, weil er den Unterschied zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem noch nicht wirklich machen kann.

Wer das wahrhaft Wesentliche nicht vom Unwesentlichen unterscheiden kann, der wird nicht in der Lage sein, das wahre Selbst von der Vorstellung eines separaten Ichs zu unterscheiden. Und wer diesen Unterschied nicht deutlich erkennen kann, wird sich in seinem Leben für Dinge entscheiden, die ihm nicht dabei helfen, sein wahres Selbst zu erkennen. Das aber ist es, worum es dem Wahrheitssucher vor allem geht.

Was ist das wahrhaft Wesentliche? Vedanta definiert das Wesentliche, also das Wesen aller Dinge, als frei von jeglicher Begrenzung. Das ist zum einen die Begrenzung in Raum und Zeit. Das Wesentliche ist also ewig und unendlich. Es ist aber auch frei von der so genannten Objekt-Begrenzung, d.h. es gibt nichts außerhalb, es gibt kein zweites, denn das Wesen aller Dinge ist advaita (nicht-zwei). 

Das Wesentliche ist außerdem dasselbe wie das wahre Selbst. Das bedeutet: Was wir eigentlich sind, ist ewig, unendlich und das einzige, was es gibt. Nun, das entspricht nicht gerade dem Selbstbild der meisten Menschen, die sich den Begrenzungen von Raum und Zeit unterworfen sehen, sich also als in Form und Möglichkeiten beschränkt und obendrein auch als sterblich betrachten. Auf gar keinen Fall sehen sie sich als das einzige an, was es gibt, sondern vielmehr als umgeben von einer Unzahl anderer Dinge, Lebewesen und Elemente. Fazit: Der normale Mensch hält sich für ein begrenztes Ich.

Wenn emotionale Impulse und Identifizierungen unser Leben bestimmen und nicht die Buddhi, also unser höherer Verstand, dann kommt uns gar nicht in den Sinn, dass wir etwas anderes sein könnten als ein begrenztes Ich. Erst in dem Maße, wie sich die Buddhi entwickelt, entwickeln wir die Fähigkeit, diese Selbstdefinition zu hinterfragen und das zu tun, was uns hilft, uns von ihr zu lösen. Wer beispielsweise meint, dass das Leben Kampf ist (um Lebensraum, um Lebenszeit, um Lebensqualität), der unterliegt bei seinen Entscheidungen viel komplexeren Kriterien als derjenige, der davon ausgeht, dass er seinem Wesen nach ohnehin keinerlei Begrenzungen unterworfen ist.

Entscheidungsfähigkeit kann man üben, und es lohnt sich, sie zu üben, weil einfach nützlich ist. Zum einen braucht die Suche Zeit, und wer Entscheidungsschwierigkeiten hat, vergeudet Zeit. Zum zweiten gibt es, insbesondere in unserer heutigen Gesellschaft, eine unübersehbare Fülle von Möglichkeiten sich auszudrücken, sich weiterzuentwickeln, spirituelle Erfüllung zu finden, die Wahrheit zu finden usw. usf. Wer sich zwischen all den Optionen nicht entscheiden kann, ständig hin und her springt oder, weil ihn das Angebot überwältigt, gar nicht erst losgeht, der wird wahrscheinlich nicht weit kommen.

 

Im Folgenden werde ich sieben Einstellungen aufzählen, die einen daran hindern, positive, klare, kraftvolle Entscheidungen zu fällen. Wer in einem oder mehreren Lebensbereichen Entscheidungsschwierigkeiten hat, wird hier eine oder mehrere Haltungen finden, die dafür verantwortlich sind – und die Einsicht, die nötig ist, um sich darüber zu erheben.

 

Worauf beruht meine Schwierigkeit, tragfähige Entscheidungen zu treffen?

 

1. Wer sich stets alle Möglichkeiten offen halten will, weil er hofft, dass irgendwann ein Wunder geschieht, der ist entscheidungsunfähig.

Die nötige Einsicht: Ich höre auf, auf ein Wunder zu warten. Ich stelle mich der Tatsache, dass ich den ersten Schritt tun muss und dann den zweiten und dann den dritten – solange, bis ich das Gefühl habe, die Dinge (und mein Verhalten), im Griff zu haben.

 

2. Wer absolute Sicherheit will und sich ständig Sorgen über eine unbekannte Zukunft macht, kann keine Entscheidungen treffen.

Die nötige Einsicht: Ich achte vor allem auf die Gegenwart.

 

3. Wer es jedem Recht machen will, entscheidet sich immer nur kurzfristig und nimmt Entscheidungen schnell wieder zurück.

Die nötige Einsicht: Ich halte mich an mein Bauchgefühl.

 

4. Wer keine Prioritäten setzen kann, ist selten fähig, abschließende Entscheidungen zu treffen.

Die nötige Einsicht: Ich erkenne, was mir am wichtigsten ist.

 

5. Wer versucht, alles im Vorhinein in seinem Mind auszutüfteln, entscheidet sich oft zu spät oder lässt Gelegenheiten ungenutzt verstreichen.

Die nötige Einsicht: Ich setze meine Vorstellungen um.

 

6. Wer sich stets mit dem Status Quo abfindet, hat nicht genug Schwung, um sich für Neues zu entscheiden.

Die nötige Einsicht: Ich visiere etwas Besseres an.

 

7. Wer den größeren Zusammenhang, in dem er sich befindet, ignoriert, vermeidet bestimmte Entscheidungen, weil sie ihm keinen unmittelbaren Nutzen bringen.

Die nötige Einsicht: Ich erweitere meinen Horizont. Ich achte darauf, was um mich herum passiert.

 

8. Wer zwanghaft auf Harmonie aus ist, kann in unharmonischen Situationen keine klaren Entscheidungen fällen.

Die nötige Einsicht: Ich schalte meinen Kopf ein.

 

Ein Tipp: Wer sein bevorzugtes Muster in einem der obigen acht Punkten wieder erkennt, kann die dazu gehörige Einsicht auf Zettel schreiben, die er in seine Taschen verteilt, hinter den Spiegel steckt, an den Computer heftet oder übers Bett hängt und die Einsicht immer wieder durchliest. Noch besser ist es, wenn man sich mindestens 10 Minuten lang vollkommen auf sie konzentriert und sie immer wieder liest. Achtung: Es muss die Einsicht sein, die jeweils zu Ihrer Einstellung gehört, sonst wird es nicht funktionieren. 

Damit die Einsicht anfängt, mein Handeln automatisch zu bestimmen, muss ich mich mit aller zur Verfügung stehenden Willenskraft auf die Seite dieser Einsicht zu schlagen. Das erfordert Übung und Konsequenz und man muss eine Weile lang dranbleiben, aber es lohnt sich. Versuchen Sie es mindestens eine Woche lang. 

Wer über alle acht Einsichten/Einstellungen verfügt, der wird mutig durchs Leben gehen und ist bestens gerüstet für die Suche nach der Wahrheit.

 

Mut auf dem spirituellen Weg

Entscheidungsfähigkeit und Mut sind unmittelbar miteinander verknüpft. Warum ist Mut auf dem spirituellen Weg so wichtig? In den Sanskrit-Schriften des Advaita Vedanta werden die Erleuchteten auch als vira bezeichnet, was so viel heißt wie mutig, stark, kraftvoll. Warum? Weil nur diejenigen Chancen haben, die Wahrheit zu erkennen, die sich mit unbeirrbarer Entschlossenheit auf die Suche nach ihr machen. Nicht nur gibt es viele Stolpersteine auf dem Weg, in unserer westlichen Gesellschaft bewegt sich der spirituelle Sucher auch außerhalb anerkannter Zusammenhänge. Es braucht Mut, um zur eigenen Wahrheit zu stehen, die zunächst vor allem darin besteht, dass er etwas anderes sucht als die meisten anderen Menschen hier.

Doch auch, wenn ich keine Probleme mit den Standards der Menschen um mich herum habe, erfordert es Mut, mich von meinen eigenen Mind-Programmen zu lösen. In der Bhagavad Gita, einer wichtigen heiligen Schrift des Hinduismus, geht es um Arjuna, der auf dem Schlachtfeld zusammenbricht, weil er als Königssohn die Pflicht hat, einen Krieg gegen seine Verwandten zu führen. Diese Verwandten haben zwar kein Problem damit gehabt, Arjuna und seine Leute zu demütigen, ihr Land zu stehlen und ihnen mit Mord zu drohen. Aber er kennt sie von frühester Kindheit an und sein Herz hängt an ihnen. Krishna, Arjunas weiser Freund, überzeugt ihn schließlich, dass er seine Bindung an sie lösen und sie töten müsse und Arjuna zieht mutig in die Schlacht und gewinnt sie.

Arjunas „liebe Verwandten“ stehen für seine (und unsere) Mind-Programme. Was für Mind-Programme? Grundsätzlich alle Vorstellungen, die uns an das binden, was der Erkenntnis unserer wahren Natur entgegensteht. Wie sie das tun, habe ich in vielen anderen Essays bereits beschrieben. Auch was wir tun können, um uns aus eingefahrenen Denk- Fühl- und Verhaltensgewohnheiten zu lösen, war hier schon oft Thema.

Der Standpunkt von Vedanta ist: Grundsätzlich kann man diese Ablösung nicht direkt angehen. Eine durch Karma-Yoga geprägte Lebensweise wird jedoch nach und nach mehr Klarheit und Zentrierung schaffen und uns dadurch ermöglichen, unsere spirituelle Reise freier und gelöster fortzusetzen. Das heißt, die Identifikation mit einem separaten Ich nimmt ab. Je geringer diese Identifikation ist, desto offensichtlicher zeigt sich das, was wir wirklich sind: ungetrennt, zeitlos und grenzenlos.

 

Karma-Yoga bedeutet

1. Jegliches Handeln richtet sich auf die Erkenntnis der höchsten Wahrheit aus.

2. Das Handeln ist ethisch und

3. Man ist sich darüber im Klaren, dass das Ergebnis der eigenen Handlungen in nur sehr begrenztem Umfang dem eigenen Einfluss unterliegt, und akzeptiert diese Tatsache.

 

Westlichen Suchern fällt es oft schwer, sich allein auf Karma Yoga zu verlassen. Begründet sind diese Schwierigkeiten insbesondere in Punkt 1 und Punkt 3. 

Punkt 1 ist insbesondere dann schwierig, wenn es keinen Lehrer gibt, der einen „bei der Stange“ hält. Zum einen bietet sich dem Wahrheitssucher der oben erwähnte Überfluss an esoterischen, spirituellen und pseudo-spirituellen Konzepten an. Das bedeutet, dass die Versuchung, immer wieder neue Methoden, Denkweisen und/oder Präsentationen von Ideenwelten auszuprobieren, sehr hoch ist. Dies kann zum Selbstzweck werden und das eigentliche Ziel (die höchste Freiheit, moksha) gerät aus dem Blickfeld. Zum zweiten ist dem Sucher nicht unbedingt klar, wann sich hinter seinem eigentlichen Ziel moksha etwas ganz anderes verbirgt, zum Beispiel ein angenehmeres Leben. (An einem angenehmen Leben ist nichts auszusetzen, aber die höchste Freiheit erlangen zu wollen, hat nichts damit zu tun, sich ein angenehmeres Leben verschaffen zu wollen.)

Punkt 3 widerspricht dem westlichen Denken komplett. Die Hingabe, die hier gefordert ist, löst eher Misstrauen und Abwehr aus. All dies bedeutet, dass der westliche Wahrheitssucher oft weiterer Unterstützung bedarf, um den Geist frei zu haben für seinen spirituellen Weg. 

Die meisten westlichen Advaita Lehrer bieten ihren Schülern/Zuhörern zusätzliche Techniken an, um sie zu unterstützen, beispielsweise Psychotherapie, Arbeit mit dem Enneagramm, körperorientierte Ansätze (Yogaformen) und anderes mehr. Auch ich arbeite mit einer solchen Methode. Allerdings besteht die Gefahr, dass für die Sucher die Anwendung einer Methode zum Selbstzweck wird. Die Anwendung von Techniken ist eine Handlung. Handlungen wiederum können den Sucher vorbereiten und auch seine Suche unterstützen, aber sie können nicht zur Erleuchtung führen. Die höchste Freiheit ist nichts, was man herstellen kann, sondern ist eine Entdeckung von etwas, das bereits da ist.

 

Wie entscheidet der- oder diejenige, die diese höchste Freiheit entdeckt hat? Kurz gesagt: gar nicht. Wer weiß, wer er ist, weiß, dass er ungetrennt ist. Daher kann es keine Entscheidungen geben – die immer mindestens zwei Faktoren voraussetzen. Wenn es für alle anderen so aussieht, als fälle der Erwachte/Erleuchtete eine Entscheidung, folgt er im Grunde nur dem, was offensichtlich geschehen muss. Seine Intelligenz funktioniert nicht mehr getrennt von der Intelligenz des Ganzen. Sie beruht nicht mehr auf persönlichen Interessen, daher ist es auch egal, inwieweit sie letztlich diesen persönlichen Interessen dient. Damit fallen natürlich nicht nur alle Entscheidungsschwierigkeiten weg, sondern sämtliche Entscheidungen überhaupt.

Für andere mag es so aussehen, als sei er mutig, vira. Er selbst erfüllt einfach nur die Rolle, die für ihn im Spiel des großen Ganzen vorgesehen ist.

 

 

Für Neulinge oder für alle Wahrheitssucher zur Vertiefung: Folgende Essays stehen im Zusammenhang und helfen beim Verständnis dieses Essays:

http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=17

http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=19

http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=20

http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=42

http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=55

http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=59

http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=56

 

 

 




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