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essays11/2013

Fülle

 

Die meisten Menschen wünschen sich grenzenlose, ewige Fülle, und so versuchen auch die meisten, diese Fülle in ihrem Leben zu kreieren. Manchmal gelingt dies für 5 Minuten, manchmal für einen Nachmittag, manchmal gar für ein ganzes Wochenende – jedenfalls dem eigenen Gefühl nach. Denn da sich die Fülle dann doch irgendwann wieder verabschiedet, war sie natürlich keinesfalls ewig. Und ebenso wenig war sie grenzenlos. Aber immerhin, einen kleinen Geschmack der Fülle können die meisten ab und zu erhaschen.

Interessant ist, dass etwas in uns ganz genau zu wissen scheint, dass die Fülle das ist, was wir eigentlich suchen und was eigentlich zu uns gehört. Wir sprechen davon, dass wir uns un-erfüllt fühlen. Keiner kommt jemals auf die Idee, sich als un-entleert zu bezeichnen und sich möglicherweise auch noch darüber zu beklagen. Wir wissen, dass die Vollendung in der Fülle liegt und nicht in der Leere. Selbst diejenigen, die von der Leere als Vollendung sprechen, stellen sie sich irgendwie als Fülle vor, als Erfüllung eben.

Was erfüllt?

Wo kennen wir Fülle? Was ist Erfüllung? Natürlich kommt es ganz darauf an, wen man fragt. Elternschaft kann Erfüllung bedeuten, ein Haus, der Beruf, Reisen, die Natur, der Garten, Reichtum, Kreativität, eine Beziehung ..., all dies kann Erfüllung sein. All dies ist leider auch endlich, es bleibt nicht bestehen, jedenfalls können wir nicht damit rechnen, dass es uns endlos Fülle schenkt. Obendrein ist all dies immer begrenzt, denn selbst wenn der Beruf erfüllt, so gibt es noch viele andere Lebensbereiche, die vielleicht weniger erfüllend sind, die unsere Aufmerksamkeit verlangen und daher eine Begrenzung für die im Beruf erlebte Erfüllung darstellen. Auch ein superdickes Bankkonto hat seine Grenzen und selbst einer Traumbeziehung fehlt hier und da etwas. 

Anzuerkennen, dass grenzenlose, ewige Fülle auf dieser Welt nicht zu finden ist, ist schwer – was schon daran erkennbar wird, dass seit Menschengedenken unermüdlich geforscht und experimentiert wird, um sie irgendwann wunderbarerweise zustande zu bringen: in Form von vollkommener Sicherheit, vollkommener Lebensqualität, vollkommener Gerechtigkeit.

Warum ist es so schwer, sich damit abzufinden, dass das Leben nun einmal unvollkommen ist? Vedanta sagt, dass es unmöglich ist, sich damit abzufinden, weil etwas in uns weiß, dass grenzenlose, ewige Fülle möglich ist. Allerdings nicht da, wo wir sie normalerweise suchen. Zudem finden wir sie nicht auf die Art, wie wir es normalerweise tun. Das ist die Schwierigkeit. Aber es gibt auch eine gute Nachricht, nämlich dass wir uns das Ganze viel zu kompliziert vorstellen, dass all unsere Anstrengungen gar nicht nötig sind. Warum nicht? Weil die uns fehlende Fülle nicht wirklich abwesend ist. Das, was fehlt, ist allein das Wissen um die Fülle, die bereits anwesend ist. Der vermeintlichen Fülle hinterherzulaufen, wird uns dieses Wissen nicht bescheren, und ist deshalb reine Energievergeudung. Es wäre besser, nach dem fehlenden Wissen zu forschen.

Ein Beispiel

Wenn wir sämtliche Geschmacksrichtungen abdecken und unserem Appetit in allen Schattierungen gerecht werden wollten, müssten wir ständig essen: erst ein paar Salzstangen, dann ein Stück Kuchen, mit Sahne natürlich und eine Tasse Kaffee dazu, dann einen frischen Salat, dann eine heiße Suppe, dann ein Käsebrot mit Cornichons, dann ein Glas Traubensaft, dann Kartoffelbrei  mit Pilzgulasch, dann ein Praliné, dann ein paar Kirschen usw. usf.

So ein Esszwang würde uns etwa genauso in Atem halten wie die Suche nach grenzenloser, ewiger Fülle die Menschheit in Atem hält. Die einzig echte (und natürlich fiktive) Lösung beim so einem Esszwang wäre, wenn wir innehalten und bemerken könnten, dass wir durch und durch satt und alle nur denkbaren Geschmacksrichtungen bereits vollkommen erfüllt sind, so dass wir keinerlei Drang nach weiterer Befriedigung verspüren würden. So ähnlich verhält es sich mit der Fülle: Nur wenn wir herausfinden würden, dass die Aussagen der Upanishaden stimmen, dass die Fülle also bereits da ist und wir selbst ungetrennt von ihr als reine Fülle existieren, nur dann könnten wir aufhören zu suchen.

Grenzenlos in Zeit und Raum

Da wir jedoch gewohnt sind, alles innerhalb der Schranken von Raum und Zeit zu betrachten, kommt bereits bei der Vorstellung von absoluter Fülle und vollkommener Befriedigung Unsicherheit auf. Wann wird sie wieder vergehen? Wann muss ich „nachladen“? Wir verknüpfen die Idee von Fülle automatisch mit Vergänglichkeit, allein schon deshalb weil wir als Körper-Geist-Wesen endlich sind. Der Tod ist die unumstößliche, unüberwindliche Hürde, jedenfalls, solange wir an unserer bisherigen Vorstellung von Fülle und Erfüllung festhalten.

Daher muss die Fülle, von der Vedanta spricht, frei vom Tod sein. Sie muss über den Tod hinausgehen, ja, ihn einschließen, ohne von ihm beeinträchtigt zu sein. Der Tod ist, ebenso wie das Leben, Inhalt der Fülle. Doch die Fülle ist gleichzeitig grenzenlos, das heißt, man kann sie sich nicht wie einen Behälter vorstellen, dessen Inhalt Leben-Tod-Welt-Gott ist. Jeder Behälter, wie groß er auch sei, hat seine Grenzen. Wir aber suchen die grenzenlose Fülle. 

Dem Mind ist es grundsätzlich unmöglich, sich Grenzenlosigkeit und Ewigkeit vorzustellen. Warum? Da er selbst begrenzt und vergänglich ist, sind auch die Objekte seiner Vorstellungswelt begrenzt und vergänglich. Dennoch ist der höhere Mind, die Buddhi, in der Lage zu verstehen, dass es so etwas wie Grenzenlosigkeit und Ewigkeit geben kann. Die Buddhi kann auch verstehen, dass sich die Grenzen ihrer bisherigen Identität in der Erkenntnis, dass sie selbst nur Teil dieser Grenzenlosigkeit ist, auflösen würden. Und sie kann sogar verstehen, dass sich die Grenzen ihrer bisherigen Identität nur ins Grenzenlose hinein auflösen können. Das heißt, die Buddhi kann nachvollziehen, dass sie eigentlich grenzenlose, ewige Fülle ist.

Das allein ist aber noch nicht das Ende der Suche. Unsere Identifikation mit einem separaten Ich ist machtvoll, obwohl sie uns eigentlich nichts als Ärger beschert. Dieses separate Ich gründet sich auf die Identifikation mit dem Körper, seinen feinstofflichen Funktionen (der Energie, der Handlungsfähigkeit, der Wahrnehmungsfähigkeit, der Physiologie) und dem Mind (bestehend aus Gedächtnis, funktionellem und emotionellem Mind, dem Ich-Gedanken und der Buddhi). All diese Identifikationen hinter sich zu lassen, braucht natürlich seine Zeit. Was hilft? Zum einen Gespräche mit anderen Suchern und dem Lehrer, um zu erkennen, wann und womit eine Identifikation vorliegt. Zum zweiten, durch Gespräche und das angeleitete Studium der Advaita Vedanta Schriften immer klarer zu erkennen, was die eine Identität ist, die man niemals hinter sich lassen kann, sondern in die hinein sich alle anderen Identitäten auflösen. Was bleibt, ist reine Fülle. 

 

Ein Vers aus dem einleitenden Gebet der Isha Upanishade bringt es auf den Punkt (und macht auch deutlich, wieso ein Vedanta Studium ohne Anleitung wenig sinnvoll ist):

 

Om

Purnamadah purnamidam


Purnat purnamudachyate


Purnasya purnamadaya

Purnamevavashishyate


Om Shantih, shantih, shantih.

Ishavasyopanishad

 

Om

Jenes ist Fülle. Dies ist Fülle.

Aus jener Fülle entspringt diese Fülle

Entfernt man aus jener Fülle diese Fülle,

oder fügt man jener Fülle diese Fülle hinzu,

ist das, was bleibt Fülle.

Om Frieden, Frieden, Frieden

Isha Upanishade 

 

Das klingt ein wenig obskur. Ich übersetze den Vers mit einem im Advaita Vedanta immer wieder angeführten Bild

 

Om

Wasser ist Fülle. Die Wellen sind Fülle.

Aus der Fülle des Wassers

entspringt die Fülle der Wellen.

Entfernt man aus der Fülle des Wassers

die Fülle der Wellen, oder

fügt man der Fülle des Wassers

die Fülle der Wellen hinzu,

ist das, was bleibt Fülle.

Om Frieden, Frieden, Frieden

 

Und übertrage dieses Bild auf unser Leben:

 

Om

Grenzenlosigkeit (in Zeit und Raum) ist Fülle.

Mensch, Welt und Göttlichkeit sind Fülle.

Aus der Fülle der Grenzenlosigkeit

entspringt die Fülle von Mensch, Welt und Göttlichkeit.

Entfernt man aus der Fülle der Grenzenlosigkeit

die Fülle von Mensch, Welt und Göttlichkeit, oder

fügt man der Fülle der Grenzenlosigkeit

die Fülle von Mensch, Welt und Göttlichkeit hinzu,

ist das, was bleibt Fülle.

Om Frieden, Frieden, Frieden

 

 

Wer tiefer einsteigen will, wird hier fündig: 

http://www.arshavidyacenter.org/verse/purna.pdf

http://www.advaitin.net/Discussion%20Topics/purnamadah%2520shanti-patha.pdf





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