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essays12/2013

Dankbarkeit, Glück und Glückseligkeit

 

Obwohl Dankbarkeit ein wichtiges Thema ist, habe ich es bisher vermieden. Der Grund hierfür ist, dass es in unserer Kultur oft einen einerseits sentimentalen, andererseits moralisch fordernden Beigeschmack hat – nach dem Motto „Nun sei mal ein bisschen dankbar. Schließlich geht es anderen viel schlechter als dir.“ Obendrein scheint Dankbarkeit etwas zu sein, das notwendigerweise Dualität voraussetzt und scheint deshalb im Zusammenhang mit Advaita fehl am Platz.

Doch im Advaita Vedanta betrachtet man Themen stets aus unterschiedlichen Perspektiven. Dies spiegelt sich auch in den Essays auf diesen Seiten. Manche Essays beleuchten mehr die Vorbereitung des Suchers, welche sich natürlich dualistisch gestaltet und auf Handlungen beruht – Stichwort Karma Yoga. Andere Essays nehmen eine höhere Warte ein, die die Erkenntnis der höchsten Wahrheit (also der Nicht-Dualität) befördern wollen.

Dankbarkeit wird in Indien, dem Ursprungsland des Advaita Vedanta, weniger offensichtlich ausgedrückt als hier. Im Westen gilt es als ausgesprochen unhöflich, nicht „danke“, „bitte“ oder „Entschuldigung“ zu sagen. In Indien gelten solche Floskeln als überzogen oder unnötig, ein Kopfnicken oder ein Lächeln erscheinen angemessener. Daher ist in den Vedanta-Schriften keine Rede von Dankbarkeit. Der Grund hierfür liegt darin, dass man Dankbarkeit für selbstverständlich hält.

Doch für uns im Westen ist Dankbarkeit ein Thema. Einerseits findet sie, je nach regionaler Mentalität, mehr oder weniger überschwänglich Ausdruck. Andererseits wird sie mit moralischem Druck eingefordert. Sich von letzterem loszusagen, ohne in sentimentale Schwülstigkeit abzugleiten, bedeutet, einen ausgewogenen und letztlich natürlichen Standpunkt zu finden.

Aber ob sie nun Ausdruck findet oder nicht und welche Form dieser Ausdruck erhält, ist letztlich gleichgültig, denn eins steht fest: Ohne Dankbarkeit gibt es keine spirituelle Weiterentwicklung. 

Je nach Einstellung und innerem Entwicklungsstand stellen sich folgende Fragen:

  1. Wofür dankbar sein?
  2. Warum dankbar sein?
  3. Wem dankbar sein?
  4. Was ist Dankbarkeit aus der Sicht der Nicht-Dualität?
 

Wofür dankbar sein?

Es gibt Menschen, die nicht wirklich wissen, was Dankbarkeit ist. Entweder, weil sie schon immer alles hatten oder weil es ihnen so dreckig geht, dass sie keinen Anlass für Dankbarkeit sehen. Im ersteren Fall wird das Leben im Laufe der Zeit für ein Korrektiv sorgen. Irgendwann kommt dann doch eine schwierige Zeit und wenn diese zuende ist, gibt es auch die Gelegenheit zu einem Geschmack von Dankbarkeit. Im zweiten Fall dagegen – wenn man also keinen Grund zur Dankbarkeit findet – ist die Frage sinnvoll: Wofür soll ich denn dankbar sein? Eigentlich ist die Antwort ganz einfach, denn auch in den widrigsten Umständen gibt es Dinge, die noch schlechter hätten laufen können.  

Entscheidend ist in beiden Fällen die ernüchternde Erkenntnis, dass keiner von uns ein Anrecht auf ein beschwerdefreies Leben hat. Es gibt keine Instanz gibt, bei der wir dieses Recht einklagen könnten. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ist zwar die Rede vom Recht „das eigene Glück zu suchen“, aber die Unabhängigkeitserklärung kann man nicht einklagen[1] und auch sie spricht ja nicht vom Recht, das eigene Glück zu finden. Dass es angeblich in der Verfassung Bhutans ein Recht auf Glück gibt, nützt den meisten von uns ebenfalls nichts, denn wer ist schon Bhutanese. Glück ist in diesem Zusammenhang ohnehin nur ökonomisch zu verstehen, und, dass Geld zu haben, das Leben zwar leichter, aber nicht unbedingt glücklicher macht, wissen wir.

  

Warum dankbar sein?

Keiner hat also ein Recht auf Glück. Genauso wenig gibt es eine Pflicht zur Dankbarkeit – womit wir zur zweiten Frage kommen: Warum dankbar sein? Zunächst einmal ist klar, dass die Entscheidung, dankbar zu sein oder nicht, bei jedem Einzelnen liegt. Ja, es ist tatsächlich eine Entscheidung. Beobachten Sie einmal einen Tag, oder auch nur eine Stunde lang, den Lauf Ihres Lebens. Angefangen vom Dach über dem Kopf und warmen Kleidern, über ausreichend Nahrung und sauberes Wasser, bis hin zu den vielen Möglichkeiten sich zu informieren und relativ frei die eigene Meinung zu vertreten – all dies ist nicht selbstverständlich.

Nun kann man all dies hinnehmen und abhaken oder man kann dankbar dafür sein. Die Frage ist: Was hebt das Lebensgefühl mehr? Dankbarkeit macht glücklich. Dadurch kommt es zu der absurden Situation, dass auch wenn einem das Glück nicht besonders hold ist, die Dankbarkeit für die kleinen Dinge doch für Glück sorgt. Dagegen wird bei denen, auf die das Glück nur so herabregnet, das Glück ausbleiben, solange sie es nur hinnehmen und abhaken.

Die Antwort auf die Frage „Warum dankbar sein?“ lautet also: weil es glücklich macht. Und das ist doch eigentlich Grund genug.

  

Wem dankbar sein?

Mit der dritten Frage nähern wir uns dem spirituellen Bereich. Denn natürlich findet man meist etwas oder jemanden, dem man dankbar sein kann: angefangen für die eigenen Eltern, denen man das Leben verdankt, über den Laden an der Ecke, bei dem man am Samstagabend noch die letzte Tüte Milch ergattert bis hin zum Autor des Buchs, das man gerade liest. Aber solche Zuordnungen sind nicht immer leicht. Schließlich sind stets unendlich viele Faktoren einem Ergebnis beteiligt. Und um die meisten dieser Faktoren wissen wir nicht.

Letztlich basiert alles, was uns geschieht, auf dem Zusammenspiel  der Gesetzmäßigkeiten des Universums, ist also eigentlich ganz unpersönlich. Ob die Sonne scheint oder es in Strömen gießt ist letztlich genauso wenig persönlichen Ursprungs wie der Umstand, dass das Buch, das ich gerade verschlinge, überhaupt zustande gekommen und bei mir gelandet ist. Ganz abgesehen davon, dass die Gesetzmäßigkeiten des Universums auch noch dafür verantwortlich sind, dass meine Augen sehen, mein Verstand lesen und mein Intellekt den Inhalt wertschätzen kann.

Dankbar kann man also nur für das Zusammenspiel dieser Gesetzmäßigkeiten sein. Dies schließt übrigens die Dankbarkeit für das ein, was uns nicht gefällt, da es ja ebenfalls auf diesem Zusammenspiel beruht. Doch, wie gesagt, es gibt keinen moralischen Druck, dankbar zu sein. Wer sollte Dankbarkeit einfordern? Die Gesetzmäßigkeiten?

Das Einfordern von Dankbarkeit entsteht durch ein dualistisches Weltbild, wie es beispielsweise das Christentum vertritt. Nur ein von mir verschiedener Gott kann Dankbarkeit fordern. Die Gesetzmäßigkeiten, die alles durchziehen (und daher auch mich), spielen einfach ihr Spiel und ich bin Teil dieses Spiels.[2] Wer dankbar ist, ist dankbar, wer nicht, der nicht. Den Gesetzmäßigkeiten ist es egal. Allerdings ist auch dies eine Gesetzmäßigkeit: Wer dankbar ist, ist glücklicher, wer nicht dankbar ist, ist weniger glücklich.

 

Dankbarkeit und Nicht-Dualität

Mit der Erkenntnis dieser Gesetzmäßigkeiten haben wir uns über das Persönliche hinaus- und in den Bereich des Spirituellen hineinbewegt. Das Eingebundensein in das Spiel der Schöpfung gibt uns bereits einen Geschmack der Nicht-Dualität. Aber wirklich nicht-dual ist es noch nicht, denn selbst wenn wir alles auf die kleinsten Bausteine der Materie hinunterbrechen, bleibt immer noch zweierlei: die Bausteine und das Wahrnehmen dieser Bausteine.

Nicht-Dualität bedeutet jedoch, dass es nur ein einziges Prinzip gibt. Ich werde dieses einzige Prinzip hier nicht auf logischen Weg nachweisen, obwohl dies möglich ist, denn Thema dieses Essays ist Dankbarkeit. Wie passt nun Dankbarkeit zur Nicht-Dualität? Dualität bedeutet Trennung, mit ihr entsteht ein Gefühl von Getrenntsein. Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass letztlich alles nicht-dual ist, dann ist alles, was das Gefühl von Getrenntsein in Frage stellt, wertvoll. Und da Dankbarkeit zu einem Gefühl des Eingebundenseins führt, hebt sie das Gefühl von Getrenntsein bis zu einem gewissen Grade auf. Dankbarkeit ist also ein wichtiger Faktor in der Vorbereitung auf die höchste Erkenntnis.

Doch gerade bei denjenigen, die über die Vorbereitung hinaus sind und die höchste Erkenntnis erlangt haben, finden wir Dankbarkeit. Sie richtet sie sich an niemanden, denn in der Nicht-Dualität gibt es keinen zweiten. Diese Dankbarkeit ist das ungetrennte Sein all dessen, was ist. Sie ist bedingungslose Liebe ohne Objekt und daher reine Fülle, die nichts ausschließt und alles durchdringt. Sie ist einfach da und ist eigentlich das, was alle spirituellen Sucher so dringlich ersehen: Glückseligkeit.[3]

 


[1] Es handelt sich nicht um die Amerikanische Verfassung. http://www.toptenz.net/top-10-things-that-you-think-are-in-the-constitution-but-arent.php

[2] siehe Essays 1-2013, 2-2013, 5-2012 und 9-2012.

[3] siehe Essay 4-2011.




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