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essays1/2014

Was ist Erleuchtung?

 

Teil 1

Vorstellungen über das, was Erleuchtung ist, gibt es in Hülle und Fülle.  Beteiligt an der Entstehung dieser Vorstellungen sind zwei:

  • einerseits der Erleuchtete, der versucht, seine Realität in Worte zu fassen, das heißt die Nicht-Dualität in eine duale Sprache zu übersetzen.
  • andererseits der Unerleuchtete, der versucht, zu verstehen, was gemeint sein könnte. Im Mind des Letzteren kommt es zwangsläufig zu einer Vorstellung.

Natürlich gibt es auch den Fall, dass jemand Aussagen über die Erleuchtung macht, die lediglich auf seinen Vorstellungen beruhen, weil er nicht genau weiß, wovon er eigentlich redet. Seine Vorstellungen werden dann vom Zuhörenden (der ebenso wenig weiß, wovon genau die Rede ist) in dessen eigene Vorstellungswelt übertragen.

Wie man es auch dreht und wendet: Heraus kommt in jedem Fall eine Vorstellung. Das, was Erleuchtung ist, kann eben nur der wissen, der erleuchtet ist. Alle anderen haben ihre Vorstellungen. Diese können nah an der Realität sein oder weit entfernt von ihr, doch deckungsgleich sind sie nie.

Auf der Persönlichkeitsebene ist das ähnlich: Niemand außer uns selbst, weiß, wie es ist, mit diesem Körper-Geist-System durchs Leben zu gehen. Der Unterschied zur überpersönlichen Ebene liegt darin, dass jedes Individuum ein unterschiedliches Lebensgefühl hat – welches sich nicht mitteilen lässt. Dagegen ist die Erleuchtung für jeden haargenau dasselbe. Doch mitteilen lässt sie sich ebenso wenig.

 

Welche Vorstellungen gibt es?

 

Hier nur einige:

Der Erleuchtete hat kein Ich mehr, ist leer und denkt nur, wenn er sich dazu entscheidet.

Wenn er schläft, ist er stets bewusst, und im Wachzustand weiß er alles, zumindest dann, wenn er es wissen will.

Er ist immer im Jetzt, Vergangenheit und Zukunft spielen für ihn keine Rolle.

Er ist immer in einem überschwänglichen Glückszustand und verfügt über übersinnliche Kräfte, auch wenn er darüber nicht redet.

Überhaupt nimmt er die Welt völlig anders wahr als gewöhnliche Sterbliche.

Er ist wunschlos, hat weder Vorlieben noch Abneigungen, noch Erwartungen.

Er liebt alle und alles gleichermaßen und ist sich stets all dessen bewusst, was in seinem Körper-Mind-System und in seiner Umgebung abläuft.

 

Mittlerweile hat es sich in der spirituellen Szene herumgesprochen, dass extreme Ausdrucksformen nicht zwingend sind – doch die meisten erwarten heimlich, dass sie sich zumindest bei ihrem Lehrer manifestieren, und wenn sie das nicht tun, gehen sie davon aus, dass der Lehrer nur zu bescheiden ist, um sie zu offenbaren. Außerdem hoffen sie, dass die Erleuchtung bei ihnen selbst dann doch mit besonderen Ausdrucksformen einhergehen wird: einer überwältigenden Ausstrahlung, stets und ständig Liebe und Glückseligkeit verströmend, ewiger Frische, Kraft und Gesundheit – und zumindest die Akasha-Chronik wird man wohl in der Lage sein, zu entziffern ...

Obendrein gibt es eine Menge Vorstellungen über den Moment der Erleuchtung, der ebenfalls umwerfend sein muss. Man hat vielleicht gelesen, dass auch dies nicht notwendigerweise der Fall ist, aber das sind wahrscheinlich Untertreibungen: Etwas so Außerordentliches wie der Moment der Erleuchtung muss doch umwerfend sein!

 

Und die Realität?

 

Wie erwähnt, sind sämtliche Vorstellungen über die Erleuchtung falsch – einfach, weil sie im Mind dessen entstehen, der nicht weiß, wovon er spricht. Man muss den Vorstellungen also erst einmal eine möglichst einfache und klare Definition entgegenstellen.

Was sich mit der Erleuchtung unwiderruflich offenbart, ist das wahre Selbst, das auch jetzt schon vorhanden, aber eben nicht offenbar ist. Dieses wahre Selbst ist nichts, was man nicht kennt und plötzlich neu entdeckt, schließlich ist es das eigene Selbst. Es ist vielmehr etwas, das man sehr gut kennt, aber dessen immense Bedeutung einem bisher entgangen ist. Die Erleuchtung besteht darin, dass einem diese immense Bedeutung klar wird und bleibt.  

Das wahre Selbst ist also nichts, was irgendwo anders in Zeit und Raum zu finden ist, sondern das, was dem eigenen Sein schon immer stets und ständig zugrunde liegt, was man aber ebenso stets und ständig übersieht.

Da das wahre Selbst immer da ist, ist es auch in allen Erfahrungen stets dabei. Tatsächlich erfährt es jeder jeden Moment. Egal wie großartig, schrecklich, langweilig, übersinnlich oder „spirituell“ – jegliche Erfahrung setzt sich zusammen aus dem wahren Selbst, das ihr Zeuge ist, und der Form, die die jeweilige Erfahrung annimmt. Während die Form sich ständig verändert – es gibt vielfältigste Erfahrungen – ist das wahre Selbst immer dasselbe. Das wahre Selbst mag diese Veränderungen wahrnehmen, aber weder verändert es sich durch sie, noch wirkt es in irgendeiner Form auf sie ein. Das wahre Selbst ist frei.

 

Alle Erfahrungen, also die Erfahrung der Welt, des eigenen Körpers, des eigenen Denkens und Fühlens, all diese Erfahrungen machen das aus, was wir als uns selbst erleben – nicht das wahre Selbst, aber das Selbst, für das wir uns normalerweise halten, ich nenne es das Ich. Das Ich abzüglich aller Erfahrungen ist das wahre Selbst. Da wir dies nicht wissen, werden wir auch „Erleuchtung“ als Erfahrung auffassen, die genau wie alle anderen Erfahrungen, diesem Ich widerfährt und es „reicher“ macht.

Achtung, jetzt kommt ein bisschen Logik: Wenn die Erleuchtung das unauslöschliche Wissen um das wahre Selbst ist, und gleichzeitig die Erleuchtung etwas ist, das dem Ich widerfährt, dann bedeutet das, dass das wahre Selbst dem Ich widerfährt. Im Vergleich zum wahren Selbst kann man das Ich jedoch nicht als "wahr" bezeichnen, denn sonst kann man ja gleich dabei bleiben und würde sich nicht aufmachen, um das wahre Selbst zu finden.

Das, was wahr ist, widerfährt also dem, was nicht wahr ist. Das, was wahr ist, wird dem hinzugefügt, was nicht wahr ist. Was passiert dann wohl? Was passiert, wenn man die Realität einer Traumvorstellung hinzufügt? Es gibt hier nur eine mögliche Antwort: Wenn das, was wahr ist, von dem erkannt wird, was unwahr ist[1], dann wird das Unwahre (samt seiner Erkenntnis) vom Wahren „geschluckt“. Das Ich-Konstrukt (mitsamt seiner Suche nach Erleuchtung) verschwindet. Das wahre Selbst bleibt.

Während das Ich mit jeder Erfahrung reicher wird, besiegelt die Erkenntnis dessen, was es in Wahrheit ist, sein Verlöschen.

Doch der Sucher hegt die Vorstellung, dass er auf seinem spirituellen Weg eine spirituelle Erfahrung an die andere reiht, die sein Ich immer reicher machen bis zu dem Zeitpunkt der Erleuchtung, wenn dem Ich die Krone aller Erfahrungen aufgesetzt wird: die Krone des wahren Selbst.

Die meisten Vorstellungen von Erleuchtung spiegeln ganz offensichtlich ein „Mehr“ an wünschenswerten Zuständen und ihren wünschenswerten Folgen – nicht ein Mehr, das ständig wieder vergeht, sondern ein Mehr, das vom Zeitpunkt der Erleuchtung an ewig bestehen bleibt: Allwissen, Allmacht, Glückseligkeit, bedingungslose Liebe, bedingungslose Zufriedenheit, Gesundheit, übersinnliche Kräfte (gehört zu Allmacht) und ein tolles Charisma. Doch selbst wenn die Rede von der Leere oder der Gedankenfreiheit ist, sind die damit verbundenen Gefühle höchst angenehm, und diese angenehmen Gefühle widerfahren dem Ich und bereichern es.

Wenn wir jedoch der obigen Analyse folgen und erkennen, dass das Ich, welches sich erhofft, am Ende des Weges endlich in den Genuss all dieser wunderbaren Zustände zu kommen, dieses Ende des Weges nicht überleben wird, fällt es vielleicht leichter, das eigene Set von Erleuchtungsvorstellungen zumindest in Frage zu stellen.

 

Vorstellungen und spirituelle Suche

 

Auch wenn die einer Vorstellung zugrunde liegende Aussage eines Erleuchteten oder einer heiligen Schrift wahr sein mag, kann die Vorstellung selbst so falsch sein, dass sie dem Sucher massive Felsbrocken in seinen Weg legt. Im nächsten Essay möchte ich darauf eingehen, wie die jeweiligen Vorstellungen von Erleuchtung den Wahrheitssucher behindern oder ihm auch helfen können. Dazu lade ich alle Leser ein, mir die Vorstellungen, die sie hatten oder noch haben oder die Erfahrungen, die sie mit ihnen gemacht haben, mitzuteilen. 

Jede einzelne Vorstellung hat andere Vor- oder Nachteile, doch die größte Hürde entsteht immer dadurch, dass der Sucher das Unmögliche anstrebt: Das Ich will erleuchtet, also zum Selbst werden. Warum ist dies unmöglich? Weil das Ich sich darüber definiert, das es getrennt von allem anderen ist, sonst wäre es nicht das Ich. Es fühlt sich vielleicht eingebunden, aber letztlich ist es anders als die anderen Ichs und die Welt. Das Selbst dagegen ist ungetrennt und grenzenlos. Es verbucht sozusagen nichts auf sein eigenes Konto, allein schon deshalb, weil es nichts Eigenes hat. Schließlich gibt es für das Selbst gar nichts Anderes. Das Ich dagegen bezieht alles auf sich selbst, es verbucht alles aufs eigene Konto. Auch wenn es immer wieder unter seiner Getrenntheit leidet, hält es an ihr fest, denn seine ganze Identität beruht auf der Vorstellung von Getrenntheit. Abzüglich der Getrenntheit gibt es kein Ich, sondern nur das Selbst.

 

Im Februar folgt Teil 2: Was ist Erleuchtung nicht?

 


[1] Diese Erkenntnis nennt man im Advaita Vedanta „Akandakara Vritti“.




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