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essays2/2014

Was ist Erleuchtung nicht?

 

Zunächst einmal einige Auszüge aus dem, was Leser mir zu ihren (meist ehemaligen) Vorstellungen über Erleuchtung geschrieben haben

„Der Erleuchtete ist weise (etwas in Richtung allwissend oder kann zumindest in die Gedankenwelt einer anderen Person hineinschauen), sanftmütig, geduldig, tolerant. Keinen Süchten verfallen, nicht übergewichtig, kann stundenlang meditieren, der Geist beherrscht den Körper, kann heilen.“

„Mit der Erleuchtung ist endlich alles gut. Man ist eigentlich immer in Meditation. Da ist totale Stille im Mind. Der Körper interessiert einen nicht mehr, er ist aber sehr empfindlich, weil alle Energie in Höheres geht. Natürlich hat man übersinnliche Kräfte, kann Gedanken lesen usw. Man schläft nicht und schon gar nicht träumt man.“

„Der Erleuchtete ist eine Art Übermensch – besser, würdiger und sitzt auf dem Gipfel. Liebt mich und will mir helfen zu wachsen.“

“Erleuchtung ist….

… etwas, das man selbst erschaffen oder kriegen kann, eine Errungenschaft

… eine Spiri-Auszeichnung

… macht unsterblich

… bringt andauerndes Glück, Freude, Wohlstand.”

„Ein Erleuchteter weiß alles, durchschaut jeden und alles, macht nie Fehler, ist immer glücklich. Er wird bedient und verehrt, weil er Tag und Nacht damit beschäftigt ist, subtil mit Menschen zu arbeiten, ihnen zu helfen und die Welt zu heilen. Er muss vor der Welt geschützt werden, weil er total offen ist und alles mitbekommt.“

„Man kann nicht mehr selbständig leben und braucht jemanden, der einem das Essen macht.“

„Erleuchtung ist nur etwas für sehr heilige Menschen. Erleuchtung macht unsterblich, man verschmilzt mit der Quelle.“

„Wenn man erleuchtet ist, braucht man nichts mehr, aber man kriegt alles. Man hat Sex transzendiert und lebt in einem ständigen kosmischen Hochgefühl. Dadurch steht man auch über Hunger, Durst, Umgebungstemperatur usw. Wenn der Erleuchtete krank wird, dann nimmt er nur etwas von anderen auf sich, um deren Los zu erleichtern. Er kennt alle vergangenen Leben, sowohl von sich selbst als auch von anderen.“

Über den Moment der Erleuchtung:

“Da wir aus einer männlichen und weiblichen Energie bestehen und dadurch ins Leben geboren wurden, kann ich mir vorstellen, dass dieses Verschmelzen auch mit einem orgastischen Gefühl einhergeht. Wie überwältigend dieses Gefühl nun ist, weiß ich nicht, aber es kann ganz schön Angst machen, da der Tropfen verschwindet, bzw. stirbt. Sich der Größe des Ozeans zu öffnen bedeutet wirklich Mut. Man kann auch dran sterben.“

 

Alle diese Vorstellungen haben mit Erleuchtung so gut wie gar nichts zu tun, was den meisten Suchern auch nach und nach klar wird. Viele Vorstellungen halten sich dennoch hartnäckig. Dagegen kann man direkt nichts ausrichten, außer sich immer wieder klar zu machen, dass es sich um Gedanken  handelt, die mit dem, womit sie sich befassen, NICHT deckungsgleich sind. Ähnlich wie ein Land, von dem man viel gelesen hat, dennoch anders ist, wenn man tatsächlich dort lebt.

Solcherlei Vorstellungen dienen dem Sucher anfangs als Karotte vor der Nase, damit er nicht gleich abspringt, wenn der Weg mal steinig wird. Insofern erfüllen sie einen Zweck. Doch wenn sie bestehen bleiben, sind sie hinderlich, denn sie vergrößern die Kluft zwischen dem Sucher und dem Gesuchten. Da es letztlich überhaupt keine Kluft gibt – der Sucher selbst IST ja das Gesuchte – steht dies der Annäherung an die Wahrheit entgegen.

Ein großes Hindernis für den Sucher ist der Glaube, dass die Erleuchtung etwas für unendlich höher entwickelte Wesen ist und mit ihm selbst eigentlich nichts zu tun hat: Der Wahrheitssucher geht davon aus, dass er niemals ein Wahrheitsfinder sein wird. Das ist schade, denn schließlich war so gut wie jeder Wahrheitsfinder einmal ein Wahrheitssucher.

Manche Lehrer sagen „Du kannst die Erleuchtung nicht finden. Sie findet dich.“ Das stimmt. Doch von vielen Suchern wird dies verstanden als ein „Du musst die Erleuchtung nicht suchen, weil sie dich ohnehin findet.“ Tatsächlich ist es jedoch höchst selten, dass die Erleuchtung jemanden findet, der nicht nach ihr gesucht hat. Wenn ich anstelle von „Erleuchtung“ den Ausdruck „höchste Erkenntnis“ verwende, wird deutlicher, warum es nötig ist, dass man sich darum bemüht bevor man sie hat. Eine Erkenntnis kommt selten „einfach so“.

 

Viele Vorstellungen beschreiben das Verhalten und Erleben des Erleuchteten durchaus korrekt:

„Egal, was ihm widerfährt, ein Erleuchteter kann damit - losgelöst von Gut und Böse - problemlos umgehen.

Gefühle erscheinen und vergehen ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, setzen sich nicht irgendwo (körperlich, seelisch oder geistig) fest“

„Keiner kann einen mehr verletzen.“

„Man hat keine Angst mehr, ist innerlich frei, voller Liebe.“

„Man kann alles annehmen, wie es ist, ist nicht mehr im Widerstand.

„Dem Spiel des Lebens zusehen und sich entspannt zurücklehnen. Dem Verstand zuhören und zu wissen, dass dies nur der Fluss der Gedanken ist.“

Auf diese und ähnliche Ideen trifft das zu, was ich im letzten Essay gesagt habe: dass sich der unwissende Mind all dies nur als Zustand vorstellen kann. Und da die Erleuchtung kein Zustand ist, sind die Vorstellungen zwangsläufig unrichtig, obwohl sie in die richtige Richtung weisen.

 

Ein kurzer Videoclip (2 ½ Minuten) illustriert dies:

http://www.youtube.com/watch?v=yQ2jHGKQdR8

J. Carrey sagt hier: „At least I know where I want to go“ und bestätigt hiermit, dass einige Vorstellungen den Sucher bei der Stange halten und daher einen gewissen Nutzen haben. Er sagt auch „the feeling is amazing“ und ist sich anscheinend nicht klar darüber, dass das, wohin er eigentlich will, gar nicht das sein kann, was er erlebt hat; schließlich ist er ja nicht auf der Suche nach einem Gefühl. Auch sucht er eigentlich nach etwas Bleibendem. Das, was er erfahren hat, ist dagegen nicht geblieben. Also handelt es sich auch hier um zweierlei.

Solche Unterscheidungen sind wichtig, damit der Sucher nicht ständig etwas nachrennt, was er bei genauerem Hinsehen gar nicht sucht.

 

Wodurch passiert Erleuchtung?

Ich habe schon oft darauf hingewiesen, dass gemäß dem Advaita Vedanta alle Übungen nur dazu da sind, den Mind in einen Zustand relativer Gelassenheit zu versetzen – damit dieser dann in der Lage ist, die höchste Erkenntnis zu haben. Was ist nötig, um sie zu haben? Sich um sie bemühen – meistens durch viele viele Gespräche mit einem Lehrer, der die Erkenntnis bereits hat. Im Alleingang wird es selten möglich sein. Gespräche müssen klar von spirituellen Übungen unterschieden werden. Spirituelle Übungen erfüllen ihren Zweck, aber sind nicht das, was die Erleuchtung herbeiführt.

Aus einem Interview mit Non-Duality Magazine,

Sitara:

Deine Frage läuft darauf hinaus, was denn nun die Erleuchtung nach sich zieht. Die entschiedene Antwort von Advaita Vedanta auf diese Frage lautet: “einzig und allein Verstehen/Erkennen.” Dennoch leugnet Advaita Vedanta nicht, dass sich Erleuchtung in allen möglichen philosophischen oder religiösen Zusammenhängen ereignen kann. Es gibt wunderbare erleuchtete Wesen im Buddhismus, im Sufismus, im Christentum oder wo immer. Auch wenn diese davon ausgehen, dass “ihre” Erleuchtung durch Meditation, Whirling (Derwishtanz), Fasten oder Gebet hervorgebracht wurde, so haben sie doch – neben Meditation, Whirling, Fasten oder Gebet – immer ihren heiligen Schriften gelauscht. Die Erkenntnis der eigenen wahren Natur (Akhandakara vritti) kann nur das Resultat hiervon sein – während Meditation, Whirling, Fasten oder Gebet einen förderlichen, relativ friedlichen, Mindzustand erzeugt haben mögen, nicht mehr und nicht weniger.[1]

 

Doch die Bestrebungen der meisten Sucher drehen sich fast immer um Übungen, Handlungen und zu produzierende Zustände, statt ums Erkennen:

„Erst muss alles Alte, Schlechte und Unbewusste weg oder irgendwie transformiert werden, damit das Bewusste und damit die Erleuchtung eintreten kann.“

„Die Abstände zwischen den Gedanken werden immer länger, bis nur noch Stille da ist. Wenn die Stille länger als 45 Minuten dauert, dann bleibt sie. Das ist dann Erleuchtung“

„Kennzeichen dafür, dass man sich der Erleuchtung nähert, sind total tiefe und ungewöhnliche Meditationserfahrungen, übersinnliche und magische Kräfte, zunehmende Beherrschung der feinstofflichen Ebene, wo man hinreisen und von wo man heilsam wirken kann, Verbindungen mit aufgestiegenen Meistern u.ä.“

 

Sogar solche Vorstellungen können anfänglich hilfreich sein. Sie werden aber ganz schnell zum Hindernis, denn sie halten den Sucher auf der Ebene der Aktivitäten und Zielorientierung fest. Die Suche wird immer mehr zum Selbstläufer[2]. Im Advaita Vedanta geht es wie gesagt um Erkenntnis, und diese Erkenntnis hat das zum Inhalt, was jetzt bereits vorliegt: (Zitat aus Essay 2-2014)

Was sich mit der Erleuchtung unwiderruflich offenbart, ist das wahre Selbst, das auch jetzt schon vorhanden, aber eben nicht offenbar ist. Dieses wahre Selbst ist nichts, was man nicht kennt und plötzlich neu entdeckt. Es ist vielmehr etwas, das man sehr gut kennt, aber dessen immense Bedeutung einem bisher entgangen ist. Die Erleuchtung besteht darin, dass einem diese immense Bedeutung klar wird und bleibt.

 

Ein Leser, der sich lange mit esoterischen Zielvorstellungen herumgeschlagen hat (teilweise sogar erfolgreich) sagt: „Es gibt mir eine große Ruhe zu wissen dass auch wenn ich in diesem Leben nicht erleuchtet werde, dies nichts ändert an der Tatsache, dass ich im innersten Kern meines Seins schon das bin, was ich suche. Jetzt macht es wieder Spaß Richtung Moksha zu denken, fühlen, streben, weil ich nichts mehr hinterherjagen muss.“

In diesem Sinne ist die Suche nach der Erkenntnis etwas für Forscher und Abenteurer. Und wer will sich schon die Freude an dieser Forschungsreise durch komplizierte Zielsetzungen verderben?

 

[1] http://www.nondualitymagazine.org/nonduality_magazine.celibacyproject.sitara.htm

[2] Siehe Essay 10–2012, Auf der Suche




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