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essays3/2014

Aussortieren

 

Die meisten spirituellen Sucher wissen um den Wert des Aussortierens. Egal, ob es sich um den Keller, die Wintergarderobe, die eigene Handtasche, Schubladen oder den ewigen Papierstapel handelt, der sich immer wieder von Neuem bildet – es ist eine große Erleichterung, wenn man wieder Klar Schiff gemacht hat. Dies ist Aussortieren auf der materiellen Ebene. 

Ein bisschen schwieriger ist das Aussortieren im Bekanntenkreis, wenn man merkt, dass bestimmte Menschen nicht mehr zu der eigenen Entwicklung passen, selbst wenn sie einem in der Vergangenheit viel bedeutet haben mögen. Auch hier fühlt man sich meist sehr viel besser, wenn der Abschied vollzogen und der Raum frei geworden ist für Neues. Ebenso ist es, wenn man neue Interessensgebiete hat und merkt, dass man das eigene Leben umstrukturieren muss, um mehr Zeit für die neuen Interessen zu haben. Dies ist Aussortieren auf der sozialen Ebene.

Am schwierigsten ist die Aussortierarbeit, wenn es um Denk-, Fühl- oder Verhaltensmuster geht. Zum einen, weil nur wenige ausreichend Abstand zu sich selbst haben, um klar zu erkennen, was ausrangiert werden müsste und was nicht. Zum zweiten, weil solche Muster ein Eigenleben zu haben scheinen, das sich vehement gegen das Aussortiertwerden wehrt. Dies ist Aussortieren auf der psychologisch-mentalen Ebene.

Aussortieren fällt im Advaita Vedanta unter den Begriff „Uparati“. Uparati gehört zu den neun wertvollen Eigenschaften, die der Sucher braucht, damit er sich ganz auf das ausrichten kann, was ihm auf seiner Suche am meisten dient.[1] Uparati ist allerdings noch nicht diese klare Ausrichtung, sondern das, was ihr vorausgeht. Auf Sanskrit bedeutet es „Aufhören, Rückzug, Loslösen“. Was auf Uparati folgen kann, nennt man Samaadhana, was soviel heißt wie „Entschlossenheit, Bestimmtheit“ und eben „klare Ausrichtung“. Sowohl Uparati wie Samaadhana gehen einher mit Prioritätensetzung.

 

Uparati

So gut wie jeder spirituelle Sucher, egal auf welchem Weg er sich befindet, entwickelt von selbst ein gewisses Maß an Uparati. Vieles, was ihm vormals wichtig war, tritt in den Hintergrund, denn andere Werte entsprechen anderen Prioritäten. Doch wem bewusst ist, dass er auf der Suche nach dem wahren Selbst ist, befindet sich in der Endphase der spirituellen Suche. Er/sie will keine neuen Methoden, um sich besser zu fühlen, ihm/ihr geht es auch nicht um neue Entdeckungen und aufregende Erfahrungen, das einzige, was er/sie will ist: endlich Ankommen.

Dieser Wunsch ist ungeheuer wertvoll, denn ohne ihn, kann die Suche bis in alle Ewigkeit weitergehen. Doch er allein reicht nicht aus. Er muss auch Konsequenzen haben. Und diese Konsequenzen drücken sich aus durch Uparati: auf allen Ebenen aussortieren. Wer eigentlich nur noch eins will, der will auch alles, was mit diesem einen nicht zusammenpasst, loswerden. Wenn ich nämlich das entdecken will, was ich in Wahrheit bin, dann wirkt jeglicher Glaube an alles, was ich in Wahrheit nicht bin, wie eine Plane, die das, was ich erkennen will, unter sich verbirgt.

Insofern ist die Aussortierarbeit auf der psychologisch-mentalen Ebene am wichtigsten: Identifikationen und Glaubenssätze, die meinem Ich etwas zuordnen, was mit dem wahren Selbst nichts zu tun hat (zum Beispiel dem Körper) müssen erkannt und ad acta gelegt werden. Doch, diese Arbeit erfordert Zeit und Energie (und einen Lehrer). Das bedeutet, dass ich Zeit und Energie frei machen muss, indem ich auf der sozialen Ebene aussortiere. Und auch überflüssige Dinge binden Energie, womit wir wieder auf der materiellen Ebene angekommen sind. 

Uparati beginnt also bei den eigenen Schubladen und endet bei den eigenen Identifikationen – wobei wir auch beim Aussortieren der Schubladen Identifikationen entdecken werden. Wie erkenne ich Identifikationen? Wenn ich bei dem Gedanken, etwas loszulassen, eine starke Gegenreaktion verspüre, bin ich identifiziert. Zunächst reicht es vollkommen, all das loszulassen, was höchstens eine milde Gegenreaktion hervorruft. Man muss nicht gleich mit dem Schwierigsten beginnen. Es muss auch nicht alles losgelassen werden, doch was am Ende ruhig bestehen bleiben kann, stellt sich erst am Ende heraus. Einfach mal anzufangen, ist also auf jeden Fall eine gute Idee.

Ein anderer Gesichtspunkt hinsichtlich Uparati ist die starke Gegenreaktion, die das eigene Umfeld manchmal zeigt angesichts dessen, dass der Sucher kein Interesse mehr an gewohnten gemeinsamen Aktivitäten und Themen hat. Auch hiermit muss der Sucher zurechtkommen, und es ist wichtig für ihn zu wissen, dass sein Rückzug im Zuge seiner spirituellen Suche normal, natürlich und wünschenswert ist.

 

Mangel und Fülle

Zu wenig Uparati basiert auf einem grundlegenden Gefühl von Mangel, gepaart mit der Vorstellung, dass sich dieser Mangel beheben ließe, indem man dies noch erlebt oder das noch erlangt, statt anzuerkennen, dass der Mangel nur in der eigenen Vorstellung existiert. Erst wenn man diese Vorstellung kompromisslos als Irrtum erkennt, ist Uparati möglich. Für diese Kompromisslosigkeit braucht man nicht nur Einsicht, sondern auch Mut und Entschlossenheit.

Die nötige Einsicht ist ein Ergebnis von Unterscheidungsfähigkeit. Mut und Entschlossenheit dagegen wachsen, wenn man die eigene Sehnsucht nach der höchsten Erkenntnis immer stärker nährt – durch aktives Lesen und Hören derer, die diese Erkenntnis schon haben, und durch die Gemeinschaft mit Suchern, die auf der gleichen Wellenlänge sind.

Nur wenn man die Fixierung auf das Gefühl von Mangel und die damit verbundenen Versuche, die vermeintlichen Löcher zu stopfen, loslässt, entstehen Raum und Zeit, sich auf das einzige auszurichten, was den Mangel wirklich behebt (das ist dann Samaadhana). Das, was übergangsweise an die Stelle des Mangels tritt – Lesen, Hören, Austausch mit Gleichgesinnten – wird dafür sorgen, dass sich auch die letzten Reste eines Mangelgefühls im Bewusstsein der Fülle, die wir sind, auflösen.[1]

 


[1] siehe Essay 11-2013

 

 

 



[1] Einige dieser Eigenschaften waren bereits Thema eines Essays: 1–2011, 1–2012, 6–2013, 8–2013




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