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essays8/2014

Umgang mit Identifikationen

 

Was der höchsten Erkenntnis im Weg ist, lässt sich auf eins reduzieren: Identifikation. Denn Identifikation impliziert Dualität: Es gibt immer einen, der sich identifiziert und etwas, womit er sich identifiziert. Dabei ist es vollkommen egal, ob man sich mit einem Fußballverein, dem eigenen Status oder mit der Idee der Nicht-Dualität identifiziert. Immer gibt es ein Subjekt und ein Objekt, also zweierlei.

Wer erkannt hat, dass er kein getrenntes Ich ist, also nicht zwei, der muss sich damit nicht identifizieren, weil er es ja ist. Identifizieren tut man sich immer nur mit etwas, das man nicht wirklich ist.

Im Februar 2012 habe ich schon einmal etwas über Identifikationen geschrieben und dort auch erklärt, was Identifikation genau ist.[1] In diesem Essay gehe ich das Thema noch einmal anders an und lege den Akzent mehr aufs Praktische.

 

Da jede Identifikation eine innere Festlegung bedeutet – so und nicht anders muss das Leben sein! – ist jede Identifikation ein Programm, das uns leiden lässt. Denn das Leben ordnet sich nun einmal nicht unseren Vorlieben und Abneigungen unter. Das Leben verlangt jedem eine gewisse Flexibilität ab, der einigermaßen leidfrei hindurchgelangen will.

Daher gibt es unzählige Methoden, den eigenen inneren Festlegungen auf die Spur zu kommen und sie zu überwinden. Die meisten von ihnen haben eins gemeinsam: Sie konzentrieren sich auf das Problem. Manche analysieren das Problem oder versuchen, seine Ursachen in der Vergangenheit aufzudecken. Andere lassen sich auf seinen Grund fallen, was eine Transformation bewirken kann. Wieder andere gehen nach dem Prinzip von „Rein und Durch“ vor. Viele dieser Methoden erfüllen bis zu einem gewissen Grade ihren Zweck.

Ein Problem für den Wahrheitssucher entsteht vor allem dann, wenn die Bearbeitung von Schwierigkeiten zum Selbstzweck wird. Das geschieht, wenn das Endziel seiner Transformationsarbeit nicht die Erkenntnis der eigenen wahren Natur ist, sondern wenn „Sicherheit“, „Wohlbefinden“ oder, ein besserer Mensch zu werden, das Endziel sind.

Im Advaita Vedanta geht es weder um mehr Sicherheit, noch um mehr Wohlbefinden, ja, letztlich nicht einmal um ethisch einwandfreies Verhalten. Obwohl all dies nicht unwichtig ist, ist das Ziel auf dem Weg der Erkenntnis Moksha – also die Freiheit von der Vorstellung, ein getrenntes Ich zu sein. Dieses Endziel ist immer gegenwärtig.

Doch es kommt vor, dass dieses Ziel durch störende Denk-, Gefühls- oder Verhaltensmuster (Identifikationen) zeitweilig verdeckt wird. Außerdem beanspruchen Identifikationen oft viel zu viel Aufmerksamkeit und Energie und behindern auf diese Weise die eigene Erkenntnisfähigkeit.

  

Ein Gegengewicht schaffen

 

Die Methoden, die im Advaita Vedanta gegen unsere Identifikationen eingesetzt werden, unterscheiden sich von den oben erwähnten darin, dass sie ihren Fokus nicht auf einer spezifischen Identifikation haben. Ihr Ziel ist es vielmehr, ein starkes Gegengewicht zur Gesamtheit aller Identifikationen zu schaffen. Dem Störenden wird etwas entgegengesetzt, das dem Sucher ermöglicht, sich darüber zu erheben. 

Auf unterschiedlichen Ebenen können dies unterschiedliche Maßnahmen sein. Auf der höchsten Ebene bedeutet es, sich mit dieser höchsten Ebene zu beschäftigen – durch Lesen und Studieren spiritueller Texte, durch das Anhören derer, die am Ende des Weges angelangt sind, durch das Reflektieren und Kontemplieren ihrer Aussagen oder bestimmter Aussagen der Schriften und vor allem durch die Bereitschaft, sich der Anleitung eines lebenden spirituellen Lehrers anzuvertrauen und mit ihm durch die noch nötigen Erkenntnisprozesse zu gehen. Auf dieser Ebene wird das Bemühen um die Erkenntnis dessen, wer wir wirklich sind, gestärkt – gemäß Advaita Vedanta das einzig nachhaltige Mittel gegen störende Identifikationen.

 

Auf der mittleren Ebene bedeutet es Meditation und Gebet – sich etwas Größerem zu überantworten und sich auf diese Weise mehr und mehr über die Verhaftung mit den eigenen persönlichen Belangen hinauszubewegen.

Auf dieser Ebene geht es insbesondere um Selbstdisziplin:

  1. Körperpflege, Fitness-Training und Gesundheitsfürsorge,
  2. angemessener sprachlicher Ausdruck und
  3. vier Formen der mentalen Disziplin:
  1. die Fähigkeit, sich zu entspannen,
  2. die Fähigkeit, sich zu konzentrieren,
  3. die Fähigkeit, den inneren Horizont zu erweitern und
  4. die Fähigkeit, schädliche Denk/Fühlmuster zu verändern.

Die letzte Fähigkeit kann auch durch einige der oben erwähnten problemzentrierten Maßnahmen gefördert werden. Die auf der mittleren Ebene geübte Disziplin hat eine „Selbstbemächtigung“ zur Folge, die Fähigkeit, sich selbst in Besitz zu nehmen, statt sich von den eigenen Gefühlen und Gedanken bestimmen zu lassen.

 

Auf der unteren Ebene bedeutet es, spirituelle Rituale gewissenhaft auszuführen, Mantren zu chanten, inspirierende Lieder zu singen, heilige Orte zu besuchen u.ä.; auch Gebete, die vornehmlich dem eigenen Wohlbefinden dienen sollen, gehören hierher. Grundsätzlich geht es darum, in unterschiedlicher Weise dafür zu sorgen, dass der Alltag durchzogen ist von Handlungen und Symbolen, die störende Identifikationen relativieren.

  

Praktische Hinweise

 

Wer stark mit Identifikationen zu kämpfen hat, profitiert zunächst einmal von den Methoden der unteren Ebene. Sie bringen Ruhe ins aufgewühlte System und schaffen so die Voraussetzung, sich auf die Suche nach der Wahrheit zu machen oder dabei zu bleiben. 

Ganz wichtig für diese Ebene ist ein täglich wiederkehrendes Ritual, das Halt gibt und Freude macht. Tipps dazu finden sich hier:

http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=10 (Essay „Was kann ich tun?“)

Auch kleine Rituale, die in den Alltag eingewoben werden, stärken das in uns, was den eigenen Identifikationen widerstehen kann:

http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=42 (Essay „Schritt für Schritt“)

All dies kann die psychologische Arbeit, den Coaching-Prozess oder was immer man an westlichen Methoden anwendet, unterstützen.

 

Wer seinen Identifikationen nur noch in bestimmten Lebensbereichen unterliegt, der kann sich mehr den Methoden der mittleren Ebene zuwenden. Das auf der unteren Ebene praktizierte Ritual wird nun Ausgangspunkt für Meditation und Gebet, die sich allmählich von den persönlichen Belangen lösen können. In der Meditation geht es jetzt um das Training der unter Punkt 3 aufgeführten mentalen Disziplin und nicht mehr vor allem darum, dem stets erschütterten Nervensystem wenigstens ab und zu eine Atempause zu verschaffen. 

Und im Gebet geht es nicht mehr darum, vom Göttlichen Umstände zu erbitten, die Momente der Entspannung oder der Stärke ermöglichen. Das Gebet auf der mittleren Ebene ist dazu da, um das zu bitten, was der Wahrheitssuche dient: Vertrauen, die richtigen Prioritäten, Gelassenheit, Frustrationstoleranz, Disziplin und die Fähigkeit, sich dem, was man als schädlich erkannt hat, in den Weg zu stellen und sinnvolle Alternativen zu finden. Auch hier können die unter Punkt 3 aufgelisteten Fähigkeiten Orientierung bieten.

Selbstdisziplin auf der mittleren Ebene

Dem Training von Selbstdisziplin liegt eine Art Programm zugrunde, das alle Ebenen der dualen menschlichen Existenz umfasst. 

Bezogen auf den Körper geht es darum, den Körper so gepflegt, fit und gesund zu halten, wie möglich. Ein einigermaßen funktionsfähiger Körper ist Voraussetzung, um die Wahrheitssuche fortsetzen zu können. Also sollte der Sucher aus dem ihm zur Verfügung stehenden Körper-Material das Bestmögliche machen. Die Bitte um körperliche Gesundheit ist Teil vieler Anrufungen und Mantren, die der Sucher vor dem Studium der Vedanta-Schriften rezitiert.

Selbstdisziplin bezogen auf den sprachlichen Ausdruck ist in der westlichen Welt normalerweise kein Thema. Im Vedanta ist sie jedoch das, was der Fürsorge für den Körper notwendig folgen muss. Wer in der Lage ist, ruhig und angemessen, höflich und weder zu laut noch zu leise zu sprechen, niemanden mit seinen Worten zu verletzen, dennoch bei der Wahrheit zu bleiben und anderen zuzuhören, der hat diese Disziplin gemeistert.

Die dritte Ebene der Selbstdisziplin betrifft den Mind, der gleichermaßen in der Lage sein sollte,

  • sich zu entspannen,
  • seinen Fokus auf das zu richten, worauf er ihn richten will,
  • die Grenzen der eigenen Vorstellungswelt zu erweitern,
  • Denk- und Fühlmuster zu verändern, wenn dies besser zu sein scheint.

All dies kann man mit unterschiedlichen Meditationstechniken erreichen, aber auch mit anderen Methoden (Autogenes Training, Mentaltraining, Phantasiereisen, bestimmte Coaching-Techniken usw.). Die Art und Weise, wie es erreicht wird, ist weniger wichtig als die grundlegende Bedingung, dass alles unter dem Vorzeichen der Suche nach Moksha geübt wird.

Da die Vorstellung eines getrennten Ichs durch alle „kleinen“ Identifikationen gestützt wird, ist es wichtig, das Bollwerk der zugrunde liegenden ("großen") Identifikation zu untergraben. Und das tut man, indem man die „Stützpfeiler-Identifikationen“ auflöst. Um Irrtümern vorzubeugen: Nicht alle Identifikationen müssen zurückgelassen werden. Doch ein gewisser, individuell jeweils unterschiedlicher Prozentsatz von ihnen muss weichen, damit das Bollwerk seine Macht verliert: den Sucher daran zu hindern, die Wahrheit zu erkennen. 

  

Methoden der höchsten Ebene

 

Wer nur noch selten von einer stärkeren Identifikation heimgesucht wird, für den sind die Methoden der höchsten Ebene die richtigen – aufbauend auf denen der mittleren Ebene (und sie miteinbeziehend).

Jeder Wahrheitssucher weiß, wie beglückend und erhebend es ist, von der höchsten Wahrheit zu lesen oder zu hören. Der vedantische Ansatz ist jedoch nur wenigen westlichen Sucher bekannt, deshalb möchte ich hier kurz etwas dazu sagen. Dieser Ansatz besteht zum einen darin, sich aktiv mit den Vedanta-Schriften auseinanderzusetzen, sie also zu studieren und bis in die Tiefe zu ergründen, statt sich nur von ihnen erheben zu lassen. Vedanta ist ein System, das sich in seiner Gesamtheit nur demjenigen erschließt, der sich eingehend damit befasst.

Eben so wenig kennen westliche Sucher oft den intensiven Prozess der Wahrheitssuche, der durch die persönlichen Gespräche mit dem Lehrer möglich wird. Ohne die Anleitung und Begleitung durch einen Lehrer ist der Weg des Advaita Vedanta nicht denkbar. Nur in der direkten Lehrer-Schüler-Beziehung kann wirklich Klarheit geschaffen werden. All die vielen Fragen, mit denen man sich schon so lange herumschlägt, stellen zu können und eine Antwort zu erhalten, die einem bei der Suche weiterhilft, ist ein Luxus, den viele sich gar nicht vorstellen können.

Alle wenig identifizierten Wahrheitssucher, die anderen spirituellen Wegen folgen, können sich dennoch das Prinzip der höchsten Ebene zu eigen machen: sich Inspiration von denen zu suchen, die die Wahrheit gefunden haben. Dabei ist es empfehlenswert, bei der eigenen Richtung zu bleiben und nicht ständig andere Richtungen zu erproben. In unserer Konsumgesellschaft besteht die Neigung, gewohnheitsmäßig nach Besserem Ausschau zu halten, selbst wenn man das Gesuchte schon gefunden hat. Zumindest sollte man einer gefundenen Richtung eine Zeitlang eine Chance geben. 

Wer dem Buddhismus zugeneigt ist, sollte buddhistische Schriften studieren und Meistern des Buddhismus zuhören. Wer Sufi ist, findet im Sufismus die Inspiration, die er braucht. Im Advaita Vedanta wird der Lehrer einem sagen, was den eigenen Prozess unterstützen und was ihn stören würde. Wer den Direct Path als seinen Weg erkannt hat, wird in den Schriften der Lehrer dieser Richtung fündig. Diejenigen,  für die keine bestimmte Richtung so ganz stimmig ist – und das sind wahrscheinlich die meisten Leser dieser Essays – sollten sich wenigstens darüber klar werden, ob sie einen nicht-dualistischen oder einen dualistischen Weg vorziehen und dann ihre Inspirationen in der einen oder anderen Richtung suchen. Denn wer Dualismus und Nicht-Dualismus mischt, dessen spirituelle Suche dreht sich im Kreis.

  

Noch mehr über Identifikation hier:

http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=17



[1] http://www.astro-sitara.de/essay_de.php?show=17




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