essays7/2018

Hingabe oder Willenseinsatz?

 

Hingabe bedeutet, das, was ist anzunehmen, mit dem Geschehen mitzugehen, also, sich dem Leben hinzugeben. Willenseinsatz dagegen bedeutet, eigene Vorstellungen zu verwirklichen und eigene Ziele anzustreben. 

Beides scheint nicht zusammenzupassen. Vor allem der Willenseinsatz ist im spirituellen Umfeld oft verpönt. Muss der spirituelle Sucher nicht den eigenen Willen aufgeben? Hingeben ans große Ganze? Muss er nicht zu allem Ja und Amen sagen? Darf er überhaupt eigene Vorstellungen, eigene Ziele haben? 

Zunächst einmal: Hingabe ist etwas Wunderschönes – wenn sie Ausdruck von echtem Vertrauen ist. Dazu lohnt es sich, das Essay 12–2014 noch einmal zu lesen[1]. Hingabe ist für das Advaita Vedanta unverzichtbar – zum Einen auf dem Weg, wo man immer wieder Identifikationen und Vorstellungen loslässt/hingibt, und auch ganz am Ende des Weges, wenn die eine, allem zugrunde liegende, Identifikation mit einem getrennten Ich der Wahrheit der Nicht-Dualität hingegeben wird.[2]

Und: Der freie Wille des Menschen ist ebenfalls etwas Wunderschönes. Tatsächlich macht der freie Wille den Menschen zum Menschen, denn alle anderen Lebewesen haben keinen freien Willen. Ziel einer Weiterentwicklung kann es nicht sein, sich wieder zurück zu entwickeln. Denn kein Tier, keine Pflanze kann die höchste Wahrheit suchen oder gar erkennen. Nur mit Hilfe des freien Willens kann sich der Sucher auf den Weg machen. Das heißt, für Advaita Vedanta ist der freie Wille zentral.

Die höchste Erkenntnis erfordert beides: Hingabe und den Einsatz des freien Willens. Das bedeutet: Hingabe ja. Hingabe des freien Willens nein. 

Sondern?

Hingabe an den freien Willen.

 

Moksha

Damit es mit Moksha klappen kann, muss der freie Wille allerdings richtig eingesetzt werden, das heißt, hinter dem freien Willen muss eine reife, unterscheidungs- und entscheidungsfähige Buddhi stehen. Sie ist das Zünglein an der Waage. Denn mit so einer Buddhi richtet sich der freie Wille nicht an Ideen aus, die einen von dem wegführen, was man eigentlich will. Dann ordnet der freie Wille die Ziele Sicherheit, Wohlbefinden und Wohlverhalten dem Ziel unter, um das es einem wirklich geht: Moksha.  

Und die Hingabe? Die braucht man unbedingt, um an diesem, doch recht ungewöhnlichen, Ziel dranzubleiben.

Und so wird der Wahrheitssucher sich in seinem Leben tatsächlich verhalten wie oben beschrieben: Er ist in der Lage, das, was ist anzunehmen, mit dem Geschehen mitzugehen, also, sich dem Leben hinzugeben. Gleichzeitig wird er mit vollem Einsatz, sein höchstes und vordringlichstes Ziel Moksha anstreben – bis er/sie es erreicht hat.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Moksha ist ein Erkenntnisziel. Man muss nichts Neues herstellen, sondern das erkennen, was man bisher übersehen hat. Das Wort Moksha bedeutet „Freiheit“ und zwar mit der zugrundeliegenden Bedeutung von „Aufgeben, Hingeben“. Was wird hingegeben, um die Freiheit zu erlangen? Nichts anderes als ein Missverständnis: Hingegeben wird die Vorstellung, man sei nicht frei.[3] 

Klingt einfach. Ist auch einfach – jedenfalls dann, wenn man sich systematisch von dem Irrtum, der mit vielen anderen Irrtümern untermauert ist, lossagt. Um das zu tun, braucht man eine starke gut funktionierende Buddhi und eine Anleitung. Die starke, gut funktionierende Buddhi kann man ausbilden[4]. Und die Anleitung kann man von jemandem bekommen, der selbst Moksha erlangt hat und sich mit der Methodologie auskennt.[5]

Was wiederum braucht man, damit man von so jemandem Anleitung bekommt, eine gut funktionierende Buddhi ausbildet und selbst Moksha erlangt?

Das ist oft weniger einfach, denn man muss dafür die Verantwortung übernehmen. Wer nur hofft, dass Moksha irgendwann auf einen herabregnet, oder dass der Lehrer es einem übertragen wird, der wird nicht ankommen. Er/Sie wird vielleicht "Erleuchtungerlebnisse" haben, aber da sie nicht Erleuchtung sind, werden sie wieder vergehen – wie alle Erlebnisse.

Es gibt einen Weg, aber gehen muss man ihn selber: mit Hingabe und Willenseinsatz.[6]






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