essays10/2018

Bin ich, was ich suche?

 

„Du bist, was du suchst“, wer spirituell orientiert ist, hat diesen Satz wahrscheinlich schon öfter gehört. Vielleicht hat er/sie sogar gemeint,  die Bedeutung des Satzes zu verstehen. Aber wer ihn wirklich versteht, hat sich bereits gefunden und ist nicht mehr auf der Suche.

In einem der ersten Essays, die ich geschrieben habe[1], ging es um die Sehnsucht nach der Wahrheit, also das Verlangen, am Ende des Weges anzukommen: den Wunsch Moksha, die Erleuchtung, zu erlangen. Und ich habe den hohen Wert dieses Wunsches betont, denn er ist die Triebfeder, die dafür sorgt, dass man sich auf den Weg macht bzw. dabei bleibt und zwar so lange, bis das Ziel erreicht ist.

In der spirituellen Szene wird einem oft genau dieser Wunsch madig gemacht. Es heißt, er stehe dem Sucher im Weg. Und das Argument, was dann gerne zum Einsatz kommt, ist der obige Satz: „Du bist doch schon das, was du suchst. Entspanne dich, dann bist du sofort da.“

Leider ist dieser Ratschlag in den seltensten Fälle zielführend. Für die meisten ist er kontraproduktiv. Denn was sollen sie tun? 

Wenn sie dem Ratschlag folgen, lassen sie die Suche fallen. Das hat jedoch keine echte Entspannung zur Folge, weil die Suche ja nicht zu Ende ist. Wenn man sie trotzdem aufgibt, dann entsteht entweder mehr Anspannung oder Resignation. 

Einige versuchen es auch andersherum: Sie entspannen sich, entspannen sich noch mehr, entspannen sich noch tiefer und noch viel viel tiefer. Nur: Selbst durch die tiefst-mögliche Entspannung ist noch niemand erleuchtet worden, sonst sähe es anders aus auf der Welt. Immerhin entspannt sich die ganze Menschheit jede Nacht im Tiefschlaf und wacht trotzdem am Morgen unerleuchtet auf.

Der Satz „Du bist, was du suchst“ ist wahr. Aber in ihm verbirgt sich keine Handlungsanweisung wie: „Entspanne Dich, denn du bist es ja schon“ oder „Gib die Suche auf, du bist ja schon da.“

Der Satz ist wahr, aber weil der Sucher nicht versteht, wieso er wahr ist, hilft er nicht. 

Das eigene Erleben

Ein Wahrheitssucher sucht nach dem, was er/sie in Wahrheit ist. Und es ist nur logisch, dass er/sie bereits das Gesuchte ist. Doch Logik ist hier nicht ausreichend. Denn ich vertraue meinem eigenen Erleben mehr als logischen Überlegungen. Und das, was ich erlebe, ist auf keinen Fall das Gesuchte. Ich erlebe eine begrenzten Körper, begrenzte geistige Fähigkeiten, eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten – alles, was ich erlebe, ist begrenzt in Raum und Zeit. Natürlich ist es nicht das, was ich suche!

Doch immerhin kann man daraus schließen, dass das, was man in Wahrheit ist, auf jeden Fall etwas anderes ist, als das, was man erlebt. Das wirft die Frage auf: Wenn ich nicht mein Erleben bin, wie kommt dieses Erleben zustande? Immerhin erlebe ich es doch. Außerdem: Was soll ich denn sein, wenn ich nicht mein Erleben bin? 

Wer in der spirituellen Szene solche Fragen stellt, wird oft schief angeschaut: „Wenn du mal den Kopf beiseite lässt, merkst du sofort, dass da gar keine Erlebnisse sind, nie waren und nie sein werden. Du bist da, unabhängig von dem, was du erlebst.“ 

Wieder so ein schöner (und wahrer) Satz – der nicht weiter führt. 

Das Advaita Vedanta widmet sich solchen Fragen. Also: Wie kommt das Erleben zustande? 

Hier gibt es erst einmal die Antwort: „Das Erleben findet in Körper-Mind statt. Aber du bist nicht Körper-Mind.“

Das heißt, das Erleben muss nicht geleugnet werden, es ist da und es hat einen Ort, an dem es stattfindet. Doch weder das Erleben, noch der Ort, an dem es stattfindet, bist du.

Okay, das klingt angenehm konkret, auch wenn es noch keine endgültige Antwort ist und viele Fragen offen lässt. Aber mein Erleben ist doch alles, was ich habe. Ich kann nicht so tun, als wäre es nicht da. 

Also: Was bin ich, wenn ich nicht mein Erleben bin?

Subjekt – Objekt 

Hier verweist Advaita Vedanta auf die Unterscheidung zwischen dem Subjekt und den Objekten. Du kannst nicht das sein, was Objekt deiner Wahrnehmung ist, sondern du musst das Subjekt sein. D.h. du bist das, was wahrnimmt, niemals das Wahrgenommene. Das Essay vom Februar 2012 behandelt dies ausführlich, bitte noch mal nachlesen (https://astro-sitara.de/essay_de.php?show=17). 

Wenn du soweit mitgehen kannst und dich selbst als Wahrnehmenden, als Zeugenbewusstsein, erkennst, dann bist du schon sehr weit gekommen. Denn dann weißt du mit Sicherheit, dass alles, inklusive deinem Mind zum Wahrgenommenen gehört und somit Objekt ist. Es ist also nicht das, was du suchst.

Für die allermeisten Minds ist dies jedoch ein Problem. Sie können sich nicht damit entspannen, dass sie das Wahrgenommene sein sollen. Denn in allen anderen Fällen ist immer der Mind das, was wahrnimmt: Häuser, Bäume, Menschen usw.

Andererseits wird eine wache Buddhi nicht leugnen, dass auch sie und der gesamte Mind wahrgenommen wird: Gedanken, Gefühle, alles Erleben wird wahrgenommen. Da ist also noch etwas „hinter“ dem Mind, und dieses etwas ist das Zeugenbewusstsein – das, was immer mitläuft: 

 

Um zu bezeugen, muss man sich nicht anstrengen.

Es passiert von selbst,

in jedem Moment des Lebens.

  

Doch weil das Bezeugen immer automatisch mitläuft und man sich dafür nicht anstrengen muss, genau deshalb wird das Bezeugen stets übersehen. Das Zeugenbewusstsein ist so selbstverständlich da, wie das Licht. Natürlich wissen wir, dass wir Häuser, Bäume, Menschen nur deshalb sehen können, weil Licht da ist. Aber wir achten nicht auf das Licht, weil es eine Selbstverständlichkeit ist, sondern auf das, was es erhellt – also die Objekte, z. B. Haus, Baum, Mensch. 

Und wenn ich sage „wir“, dann meine ich den Mind. Der Mind hat seine Schwierigkeiten mit der Vorstellung, dass er nicht mehr am Ende der Fahnenstange sitzt, sondern dass es da noch etwas geben soll, was ihn wahrnimmt. Schlimmer noch: etwas, was er nicht wahrnehmen kann. 

Denn es ist tatsächlich unmöglich für ihn, das Bezeugen wahrzunehmen. Er kann nur zur Kenntnis nehmen, dass es da logischerweise ein Subjekt gibt, aus dessen Perspektive er das Objekt ist.

 

Woran erkenne ich dieses eine Subjekt?

Ganz einfach: Es ist nie das Objekt.  

Und damit ist der Mind aus dem Spiel. 

 

Nun haben wir aber ein neues Problem. Denn wie soll ich dieses ultimative Subjekt finden, wenn ich dazu meinen Mind nicht gebrauchen kann? Warum kann ich ihn dazu nicht gebrauchen? Weil der Mind nur Objekte bestimmen und finden kann, und das Subjekt ist nun mal kein Objekt.

Hier müssen wir noch einmal die verschiedenen Funktionen des Minds in Betracht ziehen. Denn glücklicherweise ist die Buddhi, da sie lernfähig ist, in der Lage, anzuerkennen, dass sie das wahre Selbst niemals auf dieselbe Weise entdecken wird, wie sie Objekte entdeckt. Die Buddhi ist daher die einzige Funktion, die verstehen kann, dass sie einen völlig anderen Ansatz braucht, um das wahre Selbst zu finden, was sie sucht. 

Daher ist die Buddhi die einzige Mindfunktion, die in der Lage ist, das Potential und den Wert des Advaita Vedanta zu erkennen. Denn das Advaita Vedanta verfügt über eine ausgefeilte Methodologie, die keinem anderen Zweck dient als dem Menschen möglich zu machen, sein wahres Selbst zu erkennen. 

Eine intelligente Buddhi weiß, dass sie ein speziell auf die Erleuchtung ausgelegtes Hilfsmittel braucht. Die Auswahl an solchen Hilfsmitteln ist zwar begrenzt, aber es gibt sie. Die Vedanta-Schriften sind so ein Hilfsmittel: Sie fungieren wie ein Spiegel, und wenn ein gut vorbereiteter Sucher in sie hineinschaut, erkennt er/sie sich unmittelbar selbst.

Bedingung ist also die ausreichende Vorbereitung des Suchers, die er erlangt, indem er sich dem Teaching eines kompetenten Lehrers aussetzt.

Erst wenn die Erkenntnis da ist, kann man sagen: Ich war schon die ganze Zeit das Gesuchte. Erst dann hat diese Aussage einen Wert. Davor redet man sich nur etwas ein, was noch gar nicht der eigenen Realität entspricht.

Besser ist es, man macht sich einfach mal auf den Weg – wie das aussehen kann, dazu gibt es in den Essays jede Menge Tipps!


[1]https://astro-sitara.de/essay_de.php?show=4




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